Insulin-muss ich das jetzt IMMER spritzen? - Zuckertante.at
Insulin? Ja kann ich denn damit weider aufhören?

„Insulin? Muss ich das jetzt IMMER spritzen?“

„Aber wenn ich da einmal mit Insulin anfange, dann komm ich da doch nie wieder weg, oder?“
Diese Frage wird mir so oft gestellt – mit leiser Sorge in der Stimme, manchmal auch mit richtig viel Widerstand.

Ich denke, ich kann ein wenig erklären, woher diese Sorge kommt – und warum sie zwar verständlich, aber oft unbegründet ist. Und ja, wir sprechen auch darüber, ob und wann man Insulin wieder reduzieren oder absetzen kann.

Insulin als Bestrafung? Nein. Nein. Nein!

Die Angst vor dem Insulin-Spritzen  hat meistens wenig mit der Nadel zu tun. Viele Menschen kennen das Spritzen längst – sei es von Fernreisen, Heparin, oder durch Angehörige mit einerder vielen  anderen chronischen Erkrankungen, bei denen auch moderne Medikamente regelmäßig gespritzt werden.

Was aber ganz tief sitzt, ist etwas anderes:
Das Gefühl, versagt zu haben.
„Ich hab’s nicht geschafft – jetzt MUSS ich spritzen.“
Solche Gedanken höre ich oft. Das löst immer Mitgefühl in mir auf, denn da erlebt jemand den Vorschlag, Insulin zu spritzen, irgendwie als eigens Versagen – „Ich hab meine Diät nicht gut genug gehalten!“, man macht sich Vorwürfe wegen „zu wenig Disziplin, ich schaffe das alles nicht“.

Lassen Sie sich das nicht einreden Lassen Sie sich das nicht einreden von den Medien, von den Fernsehsendungen, von den ach so schlauen Artikeln in irgendwelchen Zeitungen. Typ 2 Diabetes ist eine Krankheit, eiene chronisch Krankheit, die beim einen langsamer, schlechter wird, beim anderen schneller.

Es gibt Menschen, die haben drei, vier, fünf Jahre Diabetes, Typ 2 Diabetes, vielleicht auch einen Lada- Diabetes und jetzt brauchen sie Insulin.
Es gibt Menschen, die haben 15, 20 Jahre Diabetes Und nun brauchen sie Insulin. Und es gibt Menschen, die haben 30 plus Jahre Diabetes und brauchen kein Insulin.. Das hängt nicht nur vom Lebensstil ab, sondern auch von der Genetik, vom Verlauf der Krankheit – und von vielem, was wir schlicht nicht beeinflussen können.

Niemand ist „schuld“, wenn Insulin notwendig wird.

Ein bisschen Unterstützung für die Bauchspeicheldrüse

Wenn Ihre Ärztin oder Ihr Arzt Ihnen Insulin empfiehlt, dann ist das keine „Strafe“  Es ist auch kein letzter verzweifelter Schritt.

Wir wissen, wenn eine Insulintherapie richtig und sanft und zeitgerecht also früh genug begonnen wird, dann leben die Leute damit deutlich länger als mit viel zu hohen Zuckerwerten mit Langzeitwerten über 9 oder sogar über 10 Prozent.

Da lebt man mit Insulin und besseren Langzeitwerten nicht nur besser, man fühlt sich nicht nur viel, viel besser und viel wacher und viel gesünder sondern man lebt eben definitiv auch länger und länger gesund. Also, lassen Sie sich niemals einreden dass Insulin irgendwie eine Bestrafung darstellt Wenn Ihr Körper die Unterstützung braucht, dann braucht er sie.
Ihre Bauchspeicheldrüse schafft es nicht mehr allein.
Dann bekommt sie eben Hilfe – mit ein wenig Insulin von außen.
Das ist weder ein Drama noch ein persönlicher Misserfolg. Es ist eine Chance, Ihre Werte zu verbessern – und damit gesünder und länger zu leben.

Und kann man wieder aufhören?

Zwei Antworten:

Antwort 1 – die vielleicht unangenehme:

Warum eigentlich möchten Sie wieder aufhören?
Wenn Ihr Körper diese Hilfe braucht – warum ihm diese Unterstützung wieder wegnehmen?

Ich selbst nehme seit Jahrzehnten Blutdruckmedikamente – nicht weil ich etwas „falsch“ gemacht habe, sondern weil mein Körper sie braucht. Ich würde nie auf die Idee kommen, sie einfach abzusetzen, nur weil meine Werte so schön sind. Genau deswegen sind sie ja schön!

Antwort 2 – die längere und hoffnungsvolle:

Ja, manchmal kann man Insulin auch wieder absetzen.
Vor allem dann, wenn sich etwas Wesentliches verändert: zum Beispiel eine deutliche Gewichtsabnahme (10–20% des Körpergewichts machen hier oft einen riesigen Unterschied). Denn: je weniger Körpermasse da ist, desto weniger Insulin braucht es auch.

Wichtig ist dabei aber:
Nicht das Absetzen des Insulins sollte das Ziel sein – sondern gute Zuckerwerte. Und wenn diese sich verbessern, kann man gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt versuchsweise schrittweise reduzieren-

Es geht nicht darum, „tapfer“ mit möglichst wenig Insulin auszukommen.
Und es geht schon gar nicht darum, sich zu „beweisen“, dass man wieder ohne auskommt.

Wenn wir ein neues Medikament oder eben Insulin anbieten, dann „fragen“ wir  eigentlich unseren Körper, die  Bauchspeicheldrüse, ob sie das braucht, ob ihr das gut tut.

Sie haben ja die Möglichkeit, Zuckerwerte zu messen. Und egal, ob Sie jetzt ein neues Medikament bekommen oder eben mit einer Insulintherapie beginnen: Sie messen Ihre Zuckerwerte Und dann sehen Sie recht bald selbst, ob es gut funktioniert.

Eigentlich stellen wir ja damit immer eine Frage an den Körper: Brauchst du das Medikament? Tut dir das gut? Werden die Werte damit besser? Und dann wartet man ein paar Tage ab und misst die Zuckerwerte. So kann uns unser Körper direkt Rückmeldung geben.

Wenn  man mit einer Insulintherapie anfängt:
- die Werte werden besser: das bedeutet „Fein, danke, genau das brauche ich!“
- Oder die Werte werden ein wenig besser, senken sich aber nicht genug: das bedeutet „Fein, ist nett, aber ist ein bisschen wenig, kann ich bitte ein bisschen mehr haben?“
Die Werte werden nicht besser: „Irgendwas passt da nicht ganz…“.

Und wenn dann ein paar Wochen lang die Werte sehr gut sind, wenn die Nüchtern-Blutzucker-Werte im Zielbereich sind, sagen wir mal dreiviertel der Zeit unter 110mg% , und wenn auch das nächste HbA1c im Zielbereich ist oder vielleicht sogar wieder zurückgerutscht ist in den Prädiabetes-Bereich also unter 6,5, dann können Sie ohne weiteres mit Ihrer Ärztin oder mit Ihrem Arzt darüber reden, ob man nicht probieren sollte oder dürfte, das Insulin ein bisschen zurückzunehmen.

Wenn Sie dann weniger spritzen Ist auch das wieder eine Frage an die Bauchspeicheldrüse. Ein Beispiel: da spritzt jemand 20 Einheiten Insulin morgens, die Werte sind sehr gut. Dann kann der Arzt oder die Ärztin empfehlen zu  versuchen, z.B. 2 Einheitenweniger zu spritzen, und das bedeutet:  „Liebe Drüse, mit 20 Einheiten Insulin geht es dir sichtlich gut. Ich habe schöne Zuckerwerte morgens, danke dafür. Sag mal, wenn ich jetzt nur 18 spritze Wie geht es dir dann damit? Reicht Dir das auch?“

Und dann schaut man sich wieder ein paar Tage lang die Nüchternwerte an und dann sieht man es ja:

Bleiben die Werte gleich gut? Ja, dann ist große Freude angesagt! "Ja cool, meine Bauchspeicheldrüse ist mit in diesem Beispiel 18 Einhieten auch zufrieden da bleibe ich jetzt eine Zeit lang dabei und wenn ich dann wieder Gelegenheit habe, wenn ich wieder Zeit habe, mich in den nächsten Tagen besonders gut um den Diabetes zu kümmern, dann probiere ich es noch einmal mit weniger!" – falls Ärztin oder Arzt damit einverstanden sind.

Natürlich ist es schlau immer wenn man Insulin reduziert, gerade die nächsten paar Tage ein besonders diabetesgerechtes Leben zu leben, denn die Drüse muss sich ja daran gewöhnen, mit weniger Unterstützung zurechtzukommen.

Genauso gut kann es sein,, dass man versucht weniger Insulin zu spritzen, und dass das einfach nicht klappt – die Werte beginnen wieder zu steigen. Das ist nicht Ärgerliches, schon gar kein Misserfolg – Sie wissen jetzt genau: Diese  Dosis ist zu gering, damit kommt meine Bauchspeicheldrüse nicht zurecht, also wird der Arzt oder die Ärztin die Dosis wieder steigern, wahrscheinlich wieder zurück zu der letzten Dosis, mit der es funktioniert hat.

Also, das alles ist kein Wettkampf, das ist kein Wettlauf, das ist nicht moralisch irgendwie besser oder braver, mehr oder weniger zu brauchen.

Der wahre Trick in der Diabetes-Einstellung ist:

     Mit möglichst wenig Insulin möglichst gute Werte erreichen.

Ein bisschen Dankbarkeit – auch für moderne Medizin

Die Entdeckung des Insulins vor 100 Jahren war eine medizinische Revolution.
Insulin ist so ein fantastisches und so segensreiches Medikament , das so vielen Millionen Menschen schon geholfen hat.

Wie großartig ist es, dass wir heute fein einstellbare Pens haben, die Möglichkeit, den Blutzucker selbst zu messen, moderne Medikamente…
Es ist gut, sich das hin und wieder bewusst zu machen.

Ein neuer Blick auf die Frage: „Kann ich wieder aufhören?“

Vielleicht hilft es, Ihre Insulintherapie wie eine Art Gespräch mit der Bauchspeicheldrüse zu sehen.
Sie geben ihr Unterstützung – und beobachten, was passiert.

Wenn sich Ihre Werte stabilisieren, können Sie Ihrer Drüse sozusagen „sanft zuflüstern“:

„Geht’s vielleicht auch mit ein bisserl weniger?“

Und wenn das klappt – wunderbar.
Wenn nicht – dann weiß Ihr Körper, was er braucht.
Und Sie dürfen ihm diese Unterstützung guten Gewissens geben.

Insulin ist kein Endpunkt, sondern ein Werkzeug.
Es ist weder ein Versagen noch ein Urteil – sondern eine Hilfe. Und wer Hilfe annimmt, ist nicht schwach, sondern klug.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie den Start mit Insulin vielleicht mit etwas weniger Angst und etwas mehr Vertrauen sehen können!

die Zuckertante Dr. Pusarnig


Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!

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