Warum ist mein Nüchtern-Blutzucker am höchsten?
Das Dawn-Phänomen
Und warum Sie (wahrscheinlich) nichts falsch gemacht haben
Diese Frage bekomme ich öfters: „Ich sitzt dann da, morgens, schaut auf mein Blutzucker-Messgerät – und denke mir: „Das kann jetzt nicht wahr sein.“
Am Abend war noch alles schön: Blutzucker 100 – 130, schön im Zielbereich, danach die ganze Nacht lang nichts mehr gegessen…
Und in der Früh 140, 150 oder sogar noch mehr.
Und das, obwohl Sie die ganze Nacht nichts gegessen haben.
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„Ich habe doch gar nichts gegessen!“
Das ist genau der Punkt, der viele Menschen verunsichert.
Wir lernen ja: Essen lässt den Blutzucker steigen - Insulin bringt ihn wieder runter
Also müsste der Zucker doch in der Nacht sinken – oder zumindest schön stabil bleiben.
Das tut er auch. Bei vielen Menschen, aber eben nicht bei allen.
Und wenn Sie zu denen gehören, bei denen der Nüchtern-Wert am höchsten ist:
Dann sind Sie in bester Gesellschaft.
Was nachts wirklich passiert
Ihr Körper ist nämlich alles andere als „ausgeschaltet“, wenn Sie schlafen, ganz im Gegenteil!Während Sie ruhig im Bett liegen, passiert im Hintergrund ein fein abgestimmtes Zusammenspiel:
Die Leber gibt Zucker ins Blut ab.
Die Bauchspeicheldrüse gibt Insulin ab.
Die Zellen nehmen Zucker auf.
Das Ganze läuft rund um die Uhr – auch nachts.
Warum? Weil Ihr Körper Energie braucht. Immer, auch im Schlaf.
Und dann gegen Morgen …
Jetzt wird’s spannend.
In den frühen Morgenstunden – meist zwischen 3 und 6 Uhr – passiert Folgendes:
Ihr Körper bereitet sich aufs Aufwachen vor – das „Dawn-Phänomen“
Vom Gehirn kommt der Impuls: „Aufs Aufwachen vorbereiten!“
Das geschieht mittels „Boten-Hormonen“, die vom Gehirn, von der „Hirnanhangsdrüse“ (Hypophyse) ausgeschüttet werden, jede Nacht in etwa um dieselbe Zeit.
Solche „jeden Tag zu selben Zeit“-Mechanismen gibt es viele, man nennt das „zirkadiane Rhythmen“: Körper von Tieren und Menschen reagieren auf Licht, auf Tageszeiten,…
Früh morgens, ein paar Stunden vor dem Aufwachen, bereitet sich der Körper aufs Aufwachen, auf den kommenden Tag vor:
Die Nebennieren erzeugen mehr Stresshormone (Cortisol, Adrenalin & Co.), die schwimmen dann vermehrt im Blut herum, haben Einfluss auf Muskelspannung und Blutdruck – und vor allem das Cortisol sagt der Leber „Der neue Tag kommt! Unser Mensch braucht Energie!“
Und die Leber schüttet zusätzlich Zucker ins Blut
Das ist völlig normal.
Ein gesunder Mechanismus.
Man nennt das auch das Dawn-Phänomen. Dawn ist englisch und heißt „Morgendämmerung.“
Und wo liegt jetzt das Problem?
Bei einem gesunden Stoffwechsel passiert gleichzeitig noch etwas:
Die Bauchspeicheldrüse schüttet ein bisschen mehr Insulin aus, der zusätzliche Zucker aus der Leber wird in die Zellen aufgenommen und der Blutzucker bleibt schön stabil.
So sollte das sein
Bei vielen Menschen mit (oder auf dem Weg zu) Typ-2-Diabetes wird genau dieser Schritt manchmal ein bisschen „verschlafen“.
Nicht dramatisch.
Da ist jetzt nicht die Bauchspeicheldrüse „kaputt“ – diese Befürchtung hab ich in einem Email gelesen! Was für schlimme Sorgen sich manche machen – ganz und gar unbegründet!
Aber die Insulin-Produktion läuft nicht mehr ganz perfekt abgestimmt auf die Zucker-Abgabe durch die Leber.
Das bedeutet:
Die Leber liefert Zucker
aber die Bauchspeicheldrüse reagiert zu wenig darauf
und der Blutzucker steigt – ganz still und langsam
Und zack: 150 am Morgen.
Nach dem Frühstück ist alles wieder gut
Und jetzt kommt das, was viele komplett irritiert:
Sie frühstücken - der Blutzucker steigt kurz an - und 2 Stunden später: 100
Wie kann das sein?
Ganz einfach:
Ihre Bauchspeicheldrüse kann auf „echte“ Mahlzeiten oft noch sehr gut reagieren. Da reagiert sie gut auf den Blutzucker-Anstieg, auch unterstützt durch Ihre natürlichen darm-Hormone.
Da funktioniert das System:
Essen → Insulin → Zucker sinkt
Nur dieser langsame, hormonelle Anstieg in der Früh wird manchmal „übersehen“.
Wichtig: Sie haben nichts falsch gemacht
Das sage ich Ihnen ganz deutlich:
Das ist kein Disziplinproblem
Kein „falsches Essen“
Kein persönliches Versagen
Das ist eine ganz typische Variante des Zuckerstoffwechsels.
Ihr Körper macht nichts „Falsches“.
Er macht nur etwas anders als im Lehrbuch.
Muss man etwas dagegen tun?
Jetzt kommt die klassische Antwort der Zuckertante:
Kommt drauf an
Wenn Ihr HbA1c – also der Langzeitwert – zu hoch ist:
Da würde ich als nächstes auf die Suche gehen: Wann im Tagesverlauf sind die Zuckerwerte noch erhöht? Nach dem Mittagessen? Vor dem Schlafengehen – könnte das zum Beispiel an Knabbereien nach dem Abendessen liegen?
Um solchen Werten auf die Spur zu kommen, kann es auch eine gute Idee sein, einmal 14 Tage lang einen Zucker-Sensor zu tragen: FreeStyle Libre, Dexcom, Simplera… bei den Firmen gibt es immer wieder Angebote, sich einen kostenlosen Probe-Sensor schicken zu lassen. Dann können Sie Ihre Zuckerwerte direkt am Handy beobachten.
Je nach den Ergebnissen überlegen Sie dann gemeinsam mit Ihrem Diabetes-Team, ob und welche medikamentöse Unterstützung nötig ist oder ob sie Sie vorerst noch ohne Medikamente versuchen, Ihre Zuckerwerte zu verbessern.
Wenn Ihr HbA1c – also der Langzeitwert – gut ist, 6,5% oder darunter:
Dann zeigt das: Über den ganzen Tag passt Ihr Zucker ziemlich gut!
Und das ist entscheidend. Auch diese Werte bitte mit Ihrem diabetes-Team besprechen – oft wird da gar kein Medikament empfohlen.
Was Sie sanft ausprobieren können
Wenn Sie dennoch etwas verbessern möchten, dann bitte ohne Stress und ohne Druck.
Hier ein paar bewährte Ansätze:
1. Abendessen überdenken
Weniger schnelle Kohlenhydrate am Abend
Lieber Eiweiß + Gemüse
Beispiele:
kaltes Abendessen: Joghurt, Käse, Eier, Salat, Gemüse, etwas Vollkornbrot
warmes Abendessen: Gemüse, Huhn, Hülsenfrüchte ( wenn sie vertragen werden), Tofu, Eier, Salat , wenig Beilagen - hab ich schon „Gemüse“ gesagt?
2. Ein kleiner Spaziergang nach dem Essen
10–20 Minuten gehen, gerne ganz gemütlich. Vielleicht mit Ihrem Partner, mit Ihrer Partnerin einen Abend-Spaziergang zur Routine machen und sich dabei über die Ereignisse des Tages unterhalten?
Runterkommen, Blümchen und Vögelchen beobachten,…
Das kann den nächtlichen Zucker deutlich beeinflussen.
Und das tut Ihnen insgesamt gut.
3. Schlaf ernst nehmen
Das wird oft unterschätzt!
Regelmäßige Schlafzeiten
Weniger Bildschirm am Abend
Ruhige Umgebung
Schlechter Schlaf = schlechtere Zuckerwerte.
4. Stress reduzieren (so gut es eben geht)
Ich weiß, das sagt sich leicht.
Aber:
Die gleichen Hormone, die Sie aufwecken, treiben auch den Zucker hoch.
Und noch etwas ganz Wichtiges
Manchmal sind genau solche „komischen Werte“ der Moment, wo man innehält und sich denkt: „Eigentlich könnte ich ein bisschen besser auf mich schauen.“
Nicht aus Angst. Sondern aus Fürsorge für sich selbst.
Und das ist etwas Gutes.

Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!
Perfekt erklärt, vielen Dank
Ich glaub – „Schlaf ernst nehmen“ kann man gar nicht groß genug schreiben. Leute die Probleme mit dem Zucker haben, sollten (zusätzlich) auch unbedingt mal ein Schlaftagebuch führen. Und die Schlafzeiten für 2 Wochen anpassen. Man glaubt gar nicht was das für positive Effekte hat!
Das stimmt!