Diabetes im Alter - Zuckertante.at
Titelbild Diabetes im Alter - Welches Hba1c

Mit Diabetes älter werden: Warum andere Ziele plötzlich sinnvoll sind

Mit Diabetes alt werden – das ist ein Riesenthema. Und glauben Sie mir: Es ist ein schönes Thema. Denn es bedeutet ja vor allem eines – Menschen mit Diabetes werden alt. Gott sei Dank. Auch mit Typ 1, dank Insulin. Und mit Typ 2 sowieso, wenn man gut begleitet wird.

Aber: Alt ist nicht gleich alt. Und genau da beginnt es spannend zu werden.

Zuckertante

Sie können mir auch gerne zuhören,

hier erkläre ich alles ein bisschen ausführlicher (Dauer: 22 Minuten):

[tcb-script src=“https://player.podigee-cdn.net/podcast-player/javascripts/podigee-podcast-player.js“ data-configuration=“https://podcast-der-zuckertante.podigee.io/117-117-diabetes-im-alter-welches-hba1c/embed?context=external“][/tcb-script]

80 ist nicht gleich 80

Da gibt es die 80-Jährigen, die mit der E-Gitarre auf der Bühne stehen. Dann viele, die in ferne Länder reisen, sich um Enkelkinder kümmern, neue Hobbys beginnen, aktiv sind  und ganz unregelmäßige Essenszeiten haben, unregelmäßiger als früher im Beruf.

Und dann gibt es Menschen, die mit 80 kaum mehr das Haus verlassen. Die Unterstützung brauchen. Die vielleicht schon im Pflegeheim leben. Manche mit beginnender oder fortgeschrittener Demenz. Manche in ihrer letzten Lebensphase.

Ganz unterschiedliche Lebenssituationen. Ganz unterschiedliche Ziele.

Und genau das bildet sich – endlich! – auch in den aktuellen Leitlinien der Diabetesgesellschaften ab.

HbA1c-Ziele im Alter: individuell statt stur

Früher war das Ziel oft klar: „HbA1c unter 7 % – koste es, was es wolle.“

Heute wissen wir: So einfach ist das nicht.

Leitlinien (z.B. der Deutschen Diabetes Gesellschaft, aber auch internationale Empfehlungen) teilen ältere Menschen grob in vier Gruppen ein – je nach körperlicher und geistiger Fitness.

1️⃣ Funktionell unabhängig

Selbstständig, mobil, geistig fit, wenig Begleiterkrankungen.

Empfohlenes HbA1c-Ziel: 6,5–7,5 %

Das sind die „rüstigen Alten“, die mitten im Leben stehen.

2️⃣ Leicht abhängig

Etwas eingeschränkt, vielleicht mit Rollator unterwegs, etwas vergesslich, mehrere Erkrankungen.

Empfohlenes HbA1c-Ziel: 7–8 %

Hier darf es schon ein bisschen entspannter sein.

3️⃣ Stark abhängig

Pflegebedürftig, deutliche Einschränkungen, oft Demenz.

Empfohlenes HbA1c-Ziel: 8–8,5 %

Immer steht eines im Vordergrund:

Unterzuckerungen unbedingt vermeiden!

4️⃣ End-of-Life-Phase

Leider nur mehr kurze Lebenserwartung, schwere Erkrankung, fortgeschrittene Demenz.

Hier geht es nicht mehr um Zahlen.

Hier geht es darum, dass sich der alte Mensch möglichst gut fühlt und dass es keine zusätzlichen Beschwerden aufgrund des Diabetes gibt.

Ein HbA1c um 9 % ist in dieser Situation oft völlig ausreichend. Ein HbA1c über 9% macht sich unangenehm bemerkbar, oft mit zunehmender Schwäche, starkem Durst oder Verwirrtheit.

Warum Unterzuckerungen im Alter besonders gefährlich sind

Unterzuckerungen, Hypoglykämien sind im Alter keine Kleinigkeit.

Stellen Sie sich vor: Da wacht jemand nachts auf, spürt die Hypo, hat aber nichts Süßes beim Bett. Man steht also auf, wackelt in die Küche auf der Suche nach Traubenzucker oder einem süßen Saft. Hypo-Anzeichen sind aber oft auch unsicherer gang, Schwitzen an Händen und Füßen – dann kommt der Fliesenboden in der Küche – und allzu oft der Sturz mit schlimmen Folgen: Oberschenkel-Bruch zum Beispiel. Ein schlimmes Ereignis – meist wird die Lebensqualität danach nie wieder so gut wie davor, manche Menschen müssen deshalb dann ins Pflegeheim.

So etwas muss unbedingt vermieden werden! Kein HbA1c ist so einen Unfall „wert“!

Deshalb gilt im Alter:

Lieber etwas höhere Werte als gefährliche Unterzuckerungen.

Pflegeheim und „Insulin-Chaos“

In Pflegeeinrichtungen sehe ich leider immer wieder das gleiche Muster:

HbA1c 8,2 % → „Viel zu hoch!“ → Insulin starten → Mischinsulin 2x täglich → Essen unregelmäßig → Hypo → Traubenzucker → Zucker hoch → mehr Insulin → wieder Hypo.

Ein Auf und Ab, das niemandem guttut.

Nicht dem Bewohner. Nicht dem Pflegepersonal. Nicht den Angehörigen.

Dabei sagen die Leitlinien ganz klar:

In dieser Situation sind höhere Zielwerte sinnvoll. Und es tut gut, wenn man das als Ärztin nicht nur „im Gefühl hat“, sondern auch offiziell abgesichert weiß.

Und was ist mit Tabletten?

Zum Glück verursachen viele moderne Medikamente kaum Unterzuckerungen.

Aber es gibt eine ältere Gruppe – die sogenannten Sulfonylharnstoffe (z.B. Gliclazid, Diamicron, oder Glimepirid, Amaryl).

Sie regen die Bauchspeicheldrüse zur Insulinproduktion und zur Abgabe von Insulin ins Blut an – sie erhöhen damit die Menge an Insulin im Blut – und können auch zu Unterzuckerungen, Hypos, führen.

Und trotzdem:

Manchmal sind sie eine sinnvolle Lösung. Zum Beispiel, wenn in ländlichen Regionen niemand regelmäßig Insulin spritzen kann. Dann kann so eine Tablette einem Menschen vielleicht einige Jahre im eigenen Zuhause ermöglichen.

Es geht gerade bei älteren Menschen immer darum, die individuelle Situation zu sehen, zu erfragen, wie es mit der Versorgung ausschaut und auch darum, die Wünsche der Betroffenen zu hören und zu beachten.

Wissenschaft UND Menschlichkeit

Ich sage es hier wieder einmal ganz deutlich:

Wissenschaft ist wichtig. Leitlinien sind wichtig. Große Studien mit tausenden Patienten sind sehr wichtig.

Aber genauso wichtig ist:

Wie lebt dieser Mensch? Wer hilft ihm? Wie viel Unterstützung ist realistisch? Was bedeutet Lebensqualität für ihn?

Es geht nicht um eine Zahl auf einem Laborzettel.

Es geht darum, dass ältere Menschen ihr Leben genießen können – so gut es eben geht.

Auch Jüngere profitieren von Individualität

Übrigens: Diese persönlichen Ziele gelten nicht nur für Menschen über 80.

Auch bei Jüngeren gibt es Situationen, wo etwas höhere Zielwerte sinnvoll sind:

schwere Begleiterkrankungen, häufiger Bedarf an Cortison, instabiler Diabetes

Die Botschaft ist immer dieselbe:

Es geht um den Menschen. Nicht um die perfekte Zahl.

Eine persönlicher Geschichte zum Schluss

Wenn ich früher auf Hausbesuch gefahren bin, kam ich oft zu Menschen, die ich schon davor in der Ordination kennen gelernt hatte. Da habe beim Hinfahren daran gedacht, was ich weiß – welche Kleidung, wie war die Sprache, wie hat er oder sie auf mich gewirkt – und dann habe ich mir vorgestellt, wie die Wohnung wohl aussehen wird, in allen Details: welche Möbel, welche Farben, Bilder,… manchmal hats ganz genau gepasst. So dass ich fast lachen musste – und manchmal lag ich komplett daneben.

Das war eine gute Übung, mir meine eigenen Vorurteile bewusst zu machen.

Genau das brauchen wir auch beim Diabetes im Alter:

genau hinschauen, draufkommen was genau gebraucht wird

genau zuhören, was gewünscht und was abgelehnt wird

und am Wichtigsten: nicht vorschnell urteilen

Denn jeder Mensch altert anders.:

  • Im Alter gelten andere HbA1c-Ziele.
  • Unterzuckerungen sind besonders gefährlich.
  • Lebensqualität steht im Vordergrund.
  • Wissenschaftliche Leitlinien unterstützen individuelle Entscheidungen.

Ein gutes Leben mit Diabetes ist fast immer auch im hohen Alter möglich!

die Zuckertante Dr. Pusarnig

Die Zuckertante grüßtund wünscht allzeit gute Werte!

  • Britta Fiala sagt:

    Danke liebe Susanne, Du sprichst mir aus der Seele. Wünsch Dir eine schöne Zeit in Ottenschlag und melde mich wenn Du wieder in Wien bist. Liebe Grüße Britta


  • >