Diabetes und Herzschwäche:
Warum das „schwache Herz“ uns alle etwas angeht
…und warum moderne Medizin manchmal wirklich Wunder wirkt.
Die Zuckertante bildet sich immer weiter – und ich war letzten Samstag in Graz bei einer sehr guten Fortbildung der Uni Graz. Eines der Themen hat mich besonders gepackt, weil es im Alltag von Menschen mit Diabetes leider sehr oft vorkommt: Herzschwäche (Herzinsuffizienz) – also ein Herz, das nicht mehr kräftig genug pumpt.
Und bevor wir uns das gemeinsam genauer anschauen, erzähle ich Ihnen eine Geschichte, an die ich mich bis heute gerne erinnere.
Eine Geschichte aus meiner Anfangszeit als Hausärztin
Im Jahr 2003 habe ich eine Hausarztpraxis am Stadtrand von Wien übernommen. Meine liebe Kollegin, die in Pension gegangen ist, hat mir vieles erzählt – und unter anderem auch das:
„Da gibt es ein älteres Ehepaar, sie wohnen erst seit 2 Monaten hier. Die Frau kommt in die Ordination – aber den Mann hab ich noch nie gesehen. Sie sagt, er liegt nur im Bett.“
Der Mann war schon über 75, die Frau ein bisschen jünger, und sie holte für ihn nur Rezepte für 2 Blutdruck-Medikamente.
Meine Kollegin meinte:
„Bitte schau dir das an. Mach bald einen Hausbesuch.“
Gesagt – getan. Was ich beim Hausbesuch gesehen habe, war wirklich schlimm. Der Mann lag im Bett – mit hochgelagertem Oberkörper, fast sitzend, mit Polstern rundherum.
Die Frau erklärte mir:
„Wir versuchen immer wieder, ihn rauszusetzen… aber nach ein, zwei Stunden bekommt er blaue Lippen und Atemnot und will sofort wieder zurück ins Bett.“
Das war kein „ein bissl schwach“.
Das war eine schwere Herzschwäche in Vollausprägung.
Aber der Mann war bestens gepflegt. Keine Druckstellen, keine Wunden, alles wunderbar versorgt – die Familie hat sich wirklich rührend gekümmert.
Aber medizinisch?
Da ist etwas jahrelang einfach „mitgelaufen“.
Dann kam moderne Therapie – und alles hat sich verändert
Ich habe am nächsten Tag eine Blutabnahme gemacht und einen erfahrenen Kardiologen angerufen. Der machte wirklich einen Hausbesuch – und sagte danach zu mir: „So etwas sollte es seit mindestens 10 Jahren nicht mehr geben.“
Denn: Dieser Patient hatte keines der modernen Herzinsuffizienz-Medikamente.
Er hatte „nur“ seine alten Blutdrucktabletten – und das war’s.
Der Kardiologe hat dann Schritt für Schritt eine moderne Therapie begonnen, aufdosiert, angepasst.
Der Patient war anfangs nicht begeistert – verständlich:
„Schon wieder Tabletten… und dann so viele!“
Aber…
Vier Monate später:
Der Mann war den ganzen Tag auf
Er legte sich nur mittags kurz hin (normal!)
Er konnte sogar auf die Terrasse gehen
Und das Beste:: sie holten sich eine kleine Katze und er hatte so viel Freude an dem Tierchen!
Und zu Weihnachten war er tatsächlich wieder bei der Familie. Seiner Tochter zu Besuch! Er hatte danach noch rund sechs gute Jahre, mit vielen Medikamenten, mit Labor-Kontrollen, ja – aber mit Lebensqualität.
Und da sieht man ganz deutlich:
Moderne Therapie kann bei Herzschwäche unglaublich viel bewirken.
Was ist Herzschwäche eigentlich?
Herzschwäche bedeutet:
Der Herzmuskel ist zu schwach, um den Körper ausreichend mit Blut und Sauerstoff zu versorgen.
Und das Tückische ist: Herzinsuffizienz kommt nicht plötzlich, wie ein Herzinfarkt.
Sie schleicht sich langsam ein. Und alles, was langsam kommt… daran gewöhnt man sich leider viel zu leicht.
Viele denken dann:
„Ich werd halt älter.“
„Ich bin halt nicht mehr so fit.“
„Ist eh normal.“
Aber: Nein. Muss nicht normal sein.
Wie merkt man, dass das Herz schwächer wird?
Hier sind typische Warnzeichen, die Sie bitte ernst nehmen sollten:
- Geschwollene Knöchel und Beine
Vor allem abends: „Wasser in den Beinen“, dickere Knöchel, „bamstiges“ Gefühl. - Nächtliches Wasserlassen (oft mehrmals pro Nacht)
Wenn Sie sich hinlegen, kann der Körper Wasser plötzlich besser ausscheiden.
Und dann müssen Sie nachts öfter aufs WC – das ist oft nicht (nur) „der hohe Zucker“, sondern kann Herzschwäche sein. - Atemnot bei BelastungWenn Sie früher in einem Zug Stiegen steigen konnten – und jetzt müssen Sie Pausen machen.
- Müdigkeit und Leistungsabfall
Man fühlt sich dauerhaft „leer“ und erschöpft. - Trockener Husten, der nicht weggeht
So ein „komischer Husten“, ohne richtige Erkältung. - Luft holen schon beim Sprechen
Wenn jemand nach jedem halben Satz schnauft – dann ist das oft schon eine fortgeschrittene Herzschwäche.
Wenn Sie solche Veränderungen bemerken: bitte ab zum Arzt / zur Ärztin.
Wie stellt man die Diagnose?
Der Hausarzt oder die Hausärztin wird meist: Blut abnehmen (inkl. Nieren- Leberwerte usw. und mit NT-proBNP, einem wichtigen Wert zur Diagnose der Herzschwäche), ein EKG schreiben,oft ein Lungenröntgen machen.Und die wichtigste Untersuchung ist dann:
Herzultraschall (Echokardiografie)
Das ist harmlos, schmerzfrei und extrem aussagekräftig.
Man kann da direkt beobachten, wie gut das Herz pumpt.
Warum ist Herzschwäche bei Diabetes so häufig?
Diabetes betrifft nicht nur den Blutzucker. Bei Diabetes (vor allem Typ 2) kommt oft dazu:
- Schäden an den Blutgefäßen durch hohe Zuckerwerte
- schlechtere Durchblutung des Herzmuskels
- „stille“ Entzündungsprozesse im Körper
- Veränderungen am Herzmuskel selbst
Und jetzt kommt eine etwas erschreckende Zahl:
Herzinsuffizienz haben bei Menschen über 70 etwa 10% (also jeder Zehnte). Mit Diabetes ist das Risiko 2- bis 4-fach erhöht.
Das ist dann nicht mehr jeder Zehnte – sondern eher jeder Dritte.
Das ist viel. Das ist wirklich viel!
Die gute Nachricht: Man kann heute mit Herzschwäche gut leben und vor allem: man kann sie heute gut behandeln.
Herzinsuffizienz ist kein Todesurteil. Es gilt:
früh erkennen - richtig behandeln - regelmäßig Medikamente nehmen
Und ja… ich weiß: Viele Tabletten schlucken – das ist nicht angenehm!
Aber bei Herzschwäche sind sie echte Game Changer.
Bei Herzinsuffizienz brauchen Sie meistens 4 verschiedene Medikamente – zusätzlich zu allen anderen.
Das Schöne: Ein Top-Herzmedikament ist auch ein Top-Diabetes-Medikament
Ein wichtiger Baustein in der Herzinsuffizienz-Therapie sind die sogenannten SGLT2-Hemmer, zum Beispiel:
- Dapagliflozin (Forxiga)
- Empagliflozin (Jardiance)
Viele kennen diese Medikamente ohnehin schon aus der Diabetesbehandlung – und das ist wirklich ein Glück.
Warum Regelmäßigkeit so wichtig ist
Ihr Herz muss ja andauernd arbeiten, mindestens 60 Schläge pro Minute, 24 Stunden, ohne Pause.
Wenn man Medikamente nur „ab und zu“ nimmt, ist das für das Herz wie:
„Heute helf ich dir… morgen nicht… übermorgen ein bisschen…“
Bitte nicht so machen!
Wenn etwas nicht vertragen wird:
mit der Ärztin / dem Arzt besprechen, nicht selbst herumprobieren.
Mein Tipp aus der Praxis:
Tablettenbox kaufen (gibt’s auch in hübsch!) – zur Routine machen
morgens und abends – Wasser dazu – erledigt
Was Sie selbst tun können (ohne sich zu überfordern)
Neben den Medikamenten ist wichtig:
Mobil bleiben! Nicht übertreiben, aber nicht aufhören. Spazierengehen, leichtes Training, Stiegen steigen– je nachdem, was möglich ist.
Gewicht kontrollieren! Bei Herzinsuffizienz oft empfohlen: täglich wiegen.Und da gilt: 2 kg Zunahme in wenigen Tagen
…das ist nicht „zu viel gegessen“. Das ist meist Wasser, das der Körper einlagert – und das kann ein Zeichen sein, dass Sie ein Medikament zur Entwässerung brauchen, oder dass so ein Medikament gesteigert werden sollte.
Dann bitte: Arzt oder Ärztin kontaktieren und die Therapie überprüfen.
Mein Wunsch für Sie
Ich weiß, dieses Thema kann Angst machen.
Aber ich sage Ihnen ehrlich: Ich bin schon im Pensionsalter – und ich habe in meinem Leben medizinische Entwicklungen erlebt, die wirklich großartig sind. Gerade bei Herzschwäche hat sich so viel verbessert.
Und ich möchte einfach, dass Sie wissen: Sie können rechtzeitig etwas tun. Sie müssen nicht „einfach schwächer werden“. Sie können aufmerksam sein, ohne panisch zu werden.

Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!