Pflanzen-Medikamente: gut bei Diabetes? - Zuckertante.at

Pflanzen-Medikamente: gut bei Diabetes?

Titelbild Pflanzen-nahrungs-Ergänzungs-Mittel bei Diabetes

Bitte hören Sie sich diesen Beitrag auch an, denn bei dem Thema bin ich ziemlich emotional geworden - wenn Sie also die Zuckertante "in Fahrt" erleben möchten, dann klicken Sie hier und hören Sie die Podcast-Folge, die zu diesem Beitrag gehört!

Nahrungsergänzung bei Typ-2-Diabetes – sinnvoll oder eher Wunschdenken?

Was man heute alles in der Apotheke kaufen kann!
Ist Ihnen das schon aufgefallen, liebe Leserin, lieber Leser?

Manche Apotheken schauen mittlerweile aus wie kleine Supermärkte. Bunte Verpackungen, wohlklingende Namen, Blätter und grüne Zweige auf den Etiketten – und alles ruft: „Kauf mich, ich bin gut für deine Gesundheit!“
Und im Drogeriemarkt wird’s dann endgültig unübersichtlich.

Eine Frage einer Hörerin:
„Frau Doktor, was halten Sie von pflanzlichen Produkten wie Beat-2, Wellion Zimt Plus oder ApoLife Zuckerstoffwechsel? Soll man das noch zusätzlich nehmen – zusätzlich zur Diabetes-Diät und zur Bewegung?“

Und wie so oft lautet meine Antwort: Es ist kein klares Ja. Aber auch kein klares Nein.

Achtung, das ist ein Thema, bei dem ich mich ein bisschen aufrege….

Die große Sehnsucht nach der „reinen Pflanzenmedizin“

Ich beginne emotional – weil mich dieses Thema wirklich bewegt.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es nur Pflanzenmedizin.
Zermörserte Rinden, Tees aus Wurzeln, Pilzextrakte, Tierprodukte – das war alles, was Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung hatten.

Und ja, das waren kluge, engagierte Menschen. Sie haben beobachtet, geforscht, geholfen – mit den Mitteln ihrer Zeit.

Aber schauen wir uns ehrlich an, wie diese Zeit war:

  • Im 17. Jahrhundert starben rund 40 % der Kinder vor dem 14. Lebensjahr.
  • Nur etwa 3–4 % der Menschen wurden 70 Jahre alt.
  • Pest, Pocken, Tuberkulose, Cholera – Krankheiten, die wir heute behandeln können, waren Todesurteile.
  • Eine Lungenentzündung bedeutete oft: qualvoll sterben.
  • Ein offener Knochenbruch? Meist tödlich.
  • Nierenversagen bei Diabetes? Keine Dialyse. Kein Ausweg.

Ich habe selbst noch erlebt, wie Menschen mit Diabetes am Nierenversagen verstorben sind, weil es die heutigen Dialyseverfahren noch nicht gab. Das war keine ferne Geschichte – das war meine Ausbildungszeit.

Und heute?
Antibiotika, Impfungen, Dialyse, moderne Diabetesmedikamente, Insulin in perfektionierter Form – wir haben Möglichkeiten, von denen Generationen vor uns nur träumen konnten.

Deshalb frage ich – manchmal vielleicht ein bisserl grantig:
Was genau war so toll an der Zeit, als wir „nur Pflanzen“ hatten?
WARUM bloß wollen Menschen in diese Zeit zurück?

Ich verstehe es einfach nicht….

Ja, viele Medikamente stammen ursprünglich aus Pflanzen.

  • Penicillin aus einem Pilz
  • Metfromin aus einer Pflanze
  • Aspirin aus Weidenrinde
  • Statine ebenfalls aus Pilzsubstanzen

Aber: Zwischen einem Naturstoff und einem modernen, gut geprüften Medikament liegen oft Jahrzehnte Forschung, Optimierung und Sicherheitsprüfung. Die natürlichen Inhaltsstoffe von Pflanezn haben oft starke Nebenwirkungen, sind schwierig genau zu dosieren und kommen mit vielen anderen Pflanezn-Bestandteilen daher. Im Labor entstehen aus diesen Ausgangs-Stoffen Medikamente, die nach strengen Regeln und nach großen Studien mit tausenden Personen endlich als Tabletten zu uns kommen, Tabletten, die vorhersehbar wirken, wo in jeder einzelnen immer gleich viel Wirk-Substanz drin ist usw.

Das dürfen wir bitte nicht vergessen.

Und jetzt konkret: Beat-2, Wellion Zimt Plus, ApoLife Zuckerstoffwechsel

Die genannten Produkte haben eines gemeinsam:
Sie sind in österreichischen Apotheken erhältlich. Das ist schon einmal ein gutes Zeichen.

Die Homepages im Internet haben alle ein korrektes Impressum von österreichischen Firmen, auch ein gutes Zeichen.

Sie versprechen keine Wunderheilung, sondern formulieren vorsichtig:

  • „unterstützt“
  • „kann helfen“
  • „trägt bei“

Das ist seriös.

Beat-2

Enthält unter anderem Chrom, Zink, Cholin und Vitamin B12.
Allerdings findet man auf der Homepage keine exakte Milligramm-Angabe pro Kapsel.

Wellion Zimt Plus

Zimtextrakt, Ginseng, Chrom und Zink.
Chrom und Zink sind Spurenelemente, bei denen Diabetiker durchaus Mängel haben können. Auch hier: seriöse Firma.

ApoLife Zuckerstoffwechsel

Hier gibt es Morgen- und Abendkapseln mit sehr genauer Deklaration.
Enthalten sind u.a.:

  • Zimtextrakt (kumarinarm – wichtig!)
  • Bittermelone (Momordica charantia)
  • Ginseng
  • verschiedene Vitamine
  • Spurenelemente

Von den drei Produkten ist ApoLife am transparentesten deklariert.

Heißt das, ich empfehle es?

Wieder: Jein.

Was sagt die Wissenschaft?

Wichtig ist zu verstehen:

Diese Produkte sind Nahrungsergänzungsmittel, keine Medikamente.

Das bedeutet:

  • keine großen Zulassungsstudien mit tausenden Teilnehmern
  • keine verpflichtenden Wirksamkeitsnachweise
  • weniger strenge regulatorische Vorgaben

Ja, einzelne Inhaltsstoffe wie Chrom oder Zimt wurden untersucht.
Aber die Studienlage ist insgesamt:

  • uneinheitlich
  • oft mit kleinen Teilnehmerzahlen
  • mit eher kleinen Effekten

Es gibt keinen Beweis, dass solche Präparate einen Typ-2-Diabetes wesentlich verbessern oder gar „heilen“ können.

Das psychologische Problem (und das tut mir wirklich weh)

Jetzt kommt der Punkt, der mir besonders am Herzen liegt.

Ganz oft passiert Folgendes:

Jemand ist unzufrieden mit seinem HbA1c.
Er oder sie denkt: „Jetzt muss ich wirklich was ändern!“
Man beginnt:

  • Frühstück umzustellen
  • mehr zu gehen
  • weniger Süßes
  • bewusster zu essen
  • vielleicht auch besser zu schlafen

Und zusätzlich wird ein Nahrungsergänzungsmittel gekauft.

Drei Monate später:
HbA1c besser!

Und was höre ich dann?

„Sehen Sie, Frau Doktor – diese Kapseln wirken wunderbar!“

Und wenn ich frage, was sonst verändert wurde, kommt eine ganze Liste.

Liebe Leserin, lieber Leser:
Stellen Sie Ihr eigenes Licht nicht unter den Scheffel!

Es sind sehr oft viel mehr Ihre Veränderungen, Ihre Disziplin, Ihr Dranbleiben – die den Unterschied machen.

Nicht die Kapsel.

Wenn Sie es trotzdem ausprobieren möchten – dann bitte richtig

Wenn Sie ein solches Präparat testen möchten, dann machen Sie es wie ein kleines wissenschaftliches Experiment:

  1. HbA1c bestimmen lassen.
  2. Lebensstil NICHT verändern.
  3. Nur das Präparat zusätzlich nehmen.
  4. Nach 3 Monaten wieder HbA1c kontrollieren.

Nur so können Sie halbwegs beurteilen, ob es wirklich etwas bringt.

Wenn Sie gleichzeitig Ernährung, Bewegung und Gewicht verbessern, wissen Sie nie, woher die Verbesserung kommt.

Also: Ja oder Nein?

Sinnvoll kann es sein:

  • wenn es aus seriöser Quelle stammt
  • wenn keine unrealistischen Versprechen gemacht werden
  • wenn Sie es als Ergänzung sehen – nicht als Ersatz

Nicht sinnvoll ist es:

  • wenn Sie glauben, damit Lebensstil oder Medikamente ersetzen zu können
  • wenn Sie Heilungsversprechen glauben
  • wenn Sie Ihr eigenes Engagement unterschätzen

Mein Fazit als Zuckertante

Typ-2-Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung.
Er entsteht durch eine Mischung aus Vererbung, Lebensstil und biologischen Faktoren.

Wir haben heute wunderbare, wissenschaftlich geprüfte Medikamente.
Wir haben Insulin.
Wir haben GLP-1-Analoga.
Wir haben SGLT2-Hemmer.

Und wir wissen:
Bewegung wirkt. (Schon 1000 Schritte täglich zusätzlich können enorm helfen – Sie erinnern sich vielleicht an meinen Beitrag über das Gehen .)
Gewichtsreduktion von 5–10 % kann den Diabetes deutlich verbessern.
Selbst kleine Veränderungen im Alltag machen einen Unterschied.

Das ist keine Magie. Das ist Stoffwechselphysiologie.

Pflanzliche Präparate?
Vielleicht eine kleine Unterstützung.
Vielleicht ein psychologischer Motivator.

Aber die tragende Säule sind Sie selbst – und gegebenenfalls gut ausgewählte, evidenzbasierte Medikamente.

Sie wissen schon:
Ein gutes Leben mit Diabetes ist möglich.
Es muss nicht SO schwer sein.

Das ist ein Beitrag von MR Dr. Susanne Pusarnig, der „Zuckertante“
Viele Tipps, Informationen, Motivation für ein gutes Leben mit Diabetes gibt es hier im Internet: app.zuckertante.at

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  • Christian Franc sagt:

    Vielen Dank für die klaren Worte. Wundermittel gibt es einfach nicht.
    Ernährung und Bewegung unterstützen sehr.

  • Jacqueline Steurer sagt:

    vielen Dank für diesen äußerst informativen Beitrag. Ich habe mir schon öfter bei all den Werbungen für natürliche DiabetesSUPERmedikamente gedacht, wenn diese wirklich so gut helfen und Diabetes heilen würden, dann hätte wohl niemand von uns diese Krankheit und die Welt wäre gerettet 🙂 – Ich muss aber sagen dass die Werbung wirklich verlockend klingt und man schon sehr in sich gehen und nachdenken muss, ob man solche Mittel zukünftig einnehmen soll (da hilft auch dieser Beitrag sehr!). Ich jedenfalls werde dies NICHT tun sondern vertraue auf die Empfehlungen meiner Diabetesärztin – DANKE liebe Zuckertante 🙂

  • Peter sagt:

    „xx besser als Medikamente“ – das sollte immer kritisch hinterfragt sein, egal um welches gesundheitliches Thema es geht! Wir brauchen da viel mehr Regulation was welches Medium/Herstellerkonglomerat/etc. behaupten darf … es kann sinnvoll sein gewisse Nahrungsergänzungsmittel ergänzend (!) zu Medikamenten zu nutzen aber man sollte immer vorher überprüfen was das für Inhaltsstoffe sind. Und ob man die nicht auch viel günstiger in ihrer „Urform“ zu sich nehmen könnte. 🙂

  • Patrick sagt:

    Es sind oft jene Menschen, die sich solchen Präparaten widmen, die es nicht akzeptieren wollen dass sie mit einer Lebensstiloptimierung viel bessere Effekte hätten. Der Mensch will halt immer die Abkürzung. Und fahrt dann eh ein 🙂

  • Corinna sagt:

    Danke für die ehrlichen Worte.

  • Univ.Prof.Dr. Brigitte Kopp sagt:

    Ich möchte in der langen Ausführung ein wenig Struktur reinbringen:
    Naturstoffe werden aus Pflanzen/biogenen Systemen isoliert, sind Reinstoffe und sind chemisch synthetischen Stoffen gleichzusetzen (z.B. Atropin in Augentropfen, Lovastatin als Statin-Vorläufer, Paclitaxel als Krebsmittel,…)
    Dann gibt es Extrakte aus Arzneipflanzen (meist mit Alkohol extrahiert), ein Vielkomponentengemisch, das geprüft in Kapseln, Dragees etc. als Arzneimittel in den Handel kommt (zugelassen als Arzneimittel – Zulassungsnummer auf der Verpackung, Gebrauchsinformation etc.), Wirksamkeit und Unbedenklichkeit durch klinische Studien geprüft.
    Und dann gibt es die vielen Nahrungsergänzungsmittel, die ebenfalls ein pflanzliches Produkt enthalten können – und wie der Name sagt: Nahrungsergänzungsmittel (soll die Ernährung von gesunden Personen unterstützen) und sind nicht Arzneimittel (die Kranken Heilung und Gesundung bringen sollen). Während Arzneimittel dem Arzneimittelgesetz unterliegen, sind Nahrungsergänzungsmittel Lebensmittel und dem Lebensmittelgesetz unterliegend und dürfen auch keine krankheitsbezogenen Anpreisungen enthalten.
    Und nun zur eigentlichen Frage:
    – keinesfalls die verordnete Diabetes-Medikation (vom Arzt verordnete Medikamente) absetzen und gegen Nahrungsergänzungsmittel austauschen, sondern den Vorschlägen von Frau Dr. Pusarnig unbedingt folgen
    Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, Bewegung und achtsame Ernährung können viel bewirken, aber das Arzneimittel nicht ganz ersetzen.
    Univ.Prof.Dr.Brigitte Kopp


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