Diabetes-Studien im September 2026 - Zuckertante.at

Diabetes-Studien im September 2026

Diabetes-Studien im September 2026 – verständlich erklärt von der Zuckertante

Insulinresistenz neu gedacht, weniger strenge Zuckerziele im hohen Alter, Diabetesberatung, die zum wirklichen Leben passt – und zum Schluss doch noch eine neue „Abnehmspritze“: Das sind vier Arbeiten aus September 2026, die ich Ihnen diesmal mitgebracht habe.

Möchten Sie lieber zuhören?

Die vier Arbeiten bespreche ich auch in Podcastfolge 132. Hier können Sie die ganze Folge anhören:

Zur Podcastfolge auf meiner Homepage: Folge 132 anhören

Jeden Monat erscheinen weltweit Hunderte neue wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Diabetes. In dieser Rubrik stelle ich eine persönliche Auswahl von Studien und Veröffentlichungen vor, die ich interessant oder für den Alltag mit Typ-2-Diabetes relevant finde.

Der Anspruch ist nicht Vollständigkeit und schon gar keine Rangliste.

Ich möchte vielmehr erklären: Was wurde untersucht? Was kam heraus? Wie sicher ist das Ergebnis – und was könnte es für Menschen mit Typ-2-Diabetes bedeuten?

Ich glaube, diesmal ist das eine ganz gute Mischung, denn 3 unserer 4 Themen haben überhaupt nichts mit einem neuen Medikament zu tun.

Wir beginnen mit einer ganz grundsätzlichen Frage: Was ist eigentlich Insulinresistenz? Danach geht es um Menschen über 80 und die Frage, ob ein möglichst niedriger HbA1c in diesem Alter wirklich immer besser ist. Die dritte Studie zeigt, was passiert, wenn Diabetesberatung nicht nur medizinisch korrekt ist, sondern auch zur Sprache, Kultur und Lebensrealität eines Menschen passt.

Und ja – ganz zum Schluss gibt es dann doch noch eine neue Spritze.

Retatrutid.

Manche von Ihnen werden jetzt vielleicht denken: „Nicht schon wieder GLP-1!“ Andere warten wahrscheinlich genau auf diese Studie.

Deshalb kommt sie diesmal zum Dessert. 😉

Keine Zeit zum langen Lesen? Hier ist die Kurzfassung

🧩 Insulinresistenz ist komplizierter, als wir lange gedacht haben.
Ein großes Experten-Forum beschreibt Insulinresistenz nicht als einen einzigen Defekt, sondern als einen dynamischen Zustand, als einen Zustand, der sich dauernd ändern kann und der in Muskel, Leber, Fettgewebe, Gehirn und anderen Organen unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Sogar eine vorübergehend verringerte Insulinempfindlichkeit kann in bestimmten Situationen eine normale Anpassung des Körpers sein.

👵 Mit über 80 muss ein HbA1c unter 7 % nicht automatisch besser sein.
206 selbstständig mobile, also gehfähige Menschen ab 80 Jahren wurden fünf Jahre lang entweder auf ein HbA1c-Ziel unter 7 % oder auf ein weniger strenges Ziel unter 9 % behandelt. Nach fünf Jahren lag der HbA1c im Mittel bei 7,42 % gegenüber 8,21 %. Trotzdem zeigte sich kein nachweisbarer Vorteil bei Diabetes-Komplikationen, weder an den kleinen Blutgefäßen ( Schäden an Augen, Niere, Nerven) noch an Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Schwere Unterzuckerungen mit Krankenhausaufnahme gab es dagegen 7-mal unter intensiver und nur 1-mal unter lockerer Behandlung.

🌍 Gute Diabetesberatung muss zum Menschen passen.
Aus Italien: 202 Menschen mit Typ-2-Diabetes und Migrationsgeschichte nahmen an einer Studie mit Zufalls-Verteilung teil. Eine gemeinsam entwickelte, kulturell angepasste Betreuung führte nach zwölf Monaten zu einer um 0,70 Prozentpunkte stärkeren HbA1c-Verbesserung als die Standardbetreuung.

💉 Und dann wäre da noch Retatrutid.
Der neue Wirkstoff aktiviert drei Hormonrezeptoren – GIP, GLP-1 und Glukagon. In der Studie namens TRIUMPH-2 verloren Menschen mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht oder Adipositas nach 80 Wochen je nach Dosierung im Durchschnitt 11,9 bis 18,8 % ihres Körpergewichts; unter Placebo (unwirksames Schein-Medikament) waren es nur 5,1 %. Auch der HbA1c sank deutlich. Beeindruckend – aber Retatrutid ist noch ein Studienmedikament und Nebenwirkungen gehören ebenfalls zur Geschichte.

1. Insulinresistenz: Vielleicht müssen wir sie ganz neu denken

Beginnen wir diesmal nicht mit einer klassischen Studie, sondern mit einer großen Übersichtsarbeit.

Ende September erschien gleichzeitig in den drei großen Fachzeitschriften Diabetologia, Diabetes Care und Diabetes der Artikel:

„Insulin resistance in the 21st century: new takes on an old problem“

Dahinter steckt ein gemeinsames Experten-Forum dieser drei Fachzeitschriften. Die Fachleute haben zusammengetragen, was wir heute über Insulinresistenz wissen – und an welchen Stellen unser bisheriges Bild möglicherweise zu einfach war.

Was ist Insulinresistenz überhaupt?

Meist wird Insulinresistenz ungefähr so erklärt:

Insulin ist der Schlüssel, der die Tür der Zelle öffnet, damit Zucker aus dem Blut hineinkann.

Bei einer Insulinresistenz passt der Schlüssel nicht mehr so gut. Deshalb braucht der Körper immer mehr Insulin.

Als einfache Erklärung ist dieses Bild durchaus nützlich.

Nur: Biologisch ist die Sache wesentlich komplizierter.

Insulin macht nämlich viel mehr, als nur Glukose in Muskelzellen zu schleusen.

Es wirkt unter anderem auf Muskeln, Leber, Fettgewebe, Nieren, Herz und Gehirn – und seine Wirkung kann in diesen Organen ganz unterschiedlich verändert sein. Selbst innerhalb eines Organs können manche Wirkungen des Insulins beeinträchtigt und andere noch relativ gut erhalten sein.

Das heißt:

Es gibt nicht einfach „die eine Insulinresistenz“.

Ein Mensch kann beispielsweise in einem Gewebe deutlich insulinresistent sein, während ein anderes Gewebe wesentlich empfindlicher auf Insulin reagiert.

Und noch etwas ist wichtig:

Insulinempfindlichkeit ist kein unveränderlicher Zustand.

Sie verändert sich unter anderem mit Ernährung, Bewegung, Tagesrhythmus, Krankheit, Schwangerschaft und anderen körperlichen Anforderungen.

Insulinresistenz ist nicht immer „Fehlfunktion“

Das ist für mich einer der interessantesten Gedanken dieser Arbeit.

Eine vorübergehend geringere Insulinempfindlichkeit kann nämlich Teil einer normalen Anpassungsreaktion des Körpers sein.

Die Autoren nennen unter anderem Fasten, Bewegung, Schwangerschaft, den Tag-Nacht-Rhythmus und Erkrankungen.

Unser Stoffwechsel versucht ständig, Energie dorthin zu bringen, wo sie gerade gebraucht wird.

Erst wenn solche Veränderungen anhalten und die Anpassungsfähigkeit des Stoffwechsels überfordern, kann daraus eine chronische, problematische Insulinresistenz entstehen.

Deshalb ist dieser Artikel wichtig, er macht Schluss mit der Vorstellung:

„Mein Körper funktioniert nicht richtig.“

Der Körper versucht zunächst einmal, sich an seine Umgebung und seine Anforderungen anzupassen.

Manchmal reicht diese Anpassung auf Dauer nicht mehr aus. Dann braucht der Stoffwechsel Unterstützung.

Aber das ist etwas anderes als persönliches Versagen.

Kann man die Insulinempfindlichkeit beeinflussen?

Ja – und zwar durchaus erstaunlich schnell.

Besonders interessant ist die Muskulatur.

Schon eine einzelne Bewegungseinheit kann die Insulinempfindlichkeit der Muskeln erhöhen, also verbessern. Und während sich Muskeln zusammenziehen, können sie Glukose sogar über Mechanismen aufnehmen, die nicht unmittelbar Insulin benötigen.

Auch Schlaf und Tagesrhythmus spielen eine Rolle. Die Autoren verweisen unter anderem auf Untersuchungen, in denen chronischer Schlafmangel die Insulinempfindlichkeit verschlechterte.

Natürlich heißt das jetzt nicht:

„Dann schlafen Sie halt mehr und gehen spazieren, dann ist der Diabetes weg.“

So einfach ist es eben gerade nicht.

Genetik, Fettverteilung, Leberstoffwechsel, Hormone, Muskulatur, körperliche Aktivität, Alter, Schlaf, Medikamente und viele weitere Faktoren greifen ineinander.

Und auch die Autoren dieser Übersichtsarbeit betonen, dass noch viele Fragen offen sind. Das neue Modell ist also nicht „die endgültige Wahrheit über Insulinresistenz“, sondern ein Versuch, ein sehr komplexes biologisches Phänomen besser zu beschreiben.

💚 Was die Zuckertante dazu meint

Ich finde diese Sichtweise sehr wohltuend.

Insulinresistenz ist kein Beweis dafür, dass Sie Ihren Körper „kaputtgemacht“ haben.

Und Ihre Bauchspeicheldrüse ist auch nicht das faule Organ, das sich weigert, ordentlich zu arbeiten.

Im Gegenteil: Gerade am Beginn eines Typ-2-Diabetes produziert sie oft mehr Insulin, um die geringere Insulinwirkung auszugleichen.

Sie arbeitet also sehr fleißig. Im Grund läufts wieder raus auf:

„Seien Sie nett zu Ihrer Bauchspeicheldrüse – sie braucht das.“

Bewegung, gesunde Ernährung, guter Schlaf, Gewichtsveränderungen und Medikamente sind unterschiedliche Möglichkeiten, den Stoffwechsel zu unterstützen.

Und je besser wir verstehen, dass Insulinresistenz bei unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedlich aussehen kann, desto besser können wir ganz persönlich beraten und behandeln.

2. Über 80 mit Typ-2-Diabetes: Muss der HbA1c wirklich noch unter 7 %?

Diese Studie ist mir besonders wichtig.

Nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse.

Ich habe in meiner ärztlichen Arbeit immer wieder mit älteren Menschen zu tun, bei denen der Diabetes sehr streng behandelt wird – manchmal so streng, dass wiederholt Unterzuckerungen auftreten.

Gerade in Pflegeheimen begegnet mir dieses Problem regelmäßig.

Eine Unterzuckerung ist bei einem hochbetagten Menschen alles andere als eine Kleinigkeit.

Deshalb habe ich mir diese Studie sehr genau angesehen, auch damit ich sie herzeigen kann, wenn ich wieder einmal von Angehörigen gebeten werde, mir eine Diabetes-Einstellung anzusehen und wo ich dann einen alten Menschen finde, dessen Zuckerwerte ohnehin ausreichend gut sind!

Was wurde untersucht?

Die Forschenden untersuchten 206 Menschen mit Typ-2-Diabetes im Alter von mindestens 80 Jahren.

So etwas wird sehr sehr selten gemacht, eigentlich fast nie. Weils schwierig ist, geeignete Teilnehmer zu finden und ganz ehrlich halt auch weil man in dieser Altersgruppe mit vielen Erkrankungen und Todesfällen rechnen muss. Hier wurde es aber gemacht, und das ist fein!
Wichtig: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren noch selbstständig mobil. Es handelte sich also nicht um eine typische Gruppe gebrechlicher Pflegeheimbewohner.

Die Studie wurde an einem Zentrum in Taiwan durchgeführt und war offen – sowohl die Behandelnden als auch die Teilnehmenden wussten also, welches HbA1c-Ziel angestrebt wurde. Anders wäre das auch gar nicht gegangen.

Die Teilnehmer wurden zufällig zwei Strategien zugeteilt:

102 Personen: „intensives HbA1c-Ziel“: unter 7 %

104 Personen: „konservativeres HbA1c-Ziel“: unter 9 %.

Und dann wurden sie nicht nur ein paar Monate beobachtet, sondern fünf Jahre lang.

Das ist bei Menschen in diesem Alter besonders interessant.

Denn genau hier kommt ein Faktor ins Spiel, den Diabetesstudien manchmal zu wenig berücksichtigen:

Zeit.

Viele Vorteile einer sehr guten Glukoseeinstellung – insbesondere bei bestimmten mikrovaskulären Komplikationen – entstehen nicht von heute auf morgen.

Bei einem jüngeren Menschen können wir deshalb ganz anders über einen möglichen Nutzen in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren nachdenken.

Mit zunehmendem Alter verändert sich diese Abwägung.

Die intensive Therapie hat funktioniert – zumindest auf dem Laborzettel

Nach fünf Jahren betrug der mittlere HbA1c:

7,42 % in der intensiv behandelten Gruppe

und

8,21 % in der konservativ behandelten Gruppe.

Das ist ein deutlicher Unterschied und er war „statistisch signifikant“.

Das strengere Therapieziel führte also tatsächlich zu niedrigeren Zuckerwerten.

Nur beantwortet das noch nicht die entscheidende Frage.

Die lautet nämlich nicht:

„Welche Gruppe hatte den schöneren Laborwert?“

Sondern:

„Welche Gruppe hatte tatsächlich einen gesundheitlichen Vorteil?“

Weniger Komplikationen durch den niedrigeren HbA1c?

Hier wird es spannend.

Bei den mikrovaskulären Ereignissen – also den klassischen kleinen Gefäßkomplikationen des Diabetes an Augen, Nieren, Nerven – und auch bei den makrovaskulären Ereignissen (Herzinfarkt, Schlaganfall,…) konnte die Studie keinen Vorteil der strengeren Behandlung bei diesen Gefäßkomplikationen zeigen!
Ein statistisch nachweisbarer Vorteil der strengeren Behandlung bei diesen Gefäßkomplikationen zeigte sich in den fünf Jahren nicht.

Und wichtig: Das heißt nicht, dass bewiesen wäre, dass eine strengere Behandlung niemals nützt. Die Studie war mit 206 Menschen nicht besonders groß.

Aber ein Nutzen war in diesen fünf Jahren eben nicht nachweisbar.

Und was war mit Unterzuckerungen?

Hier sieht das Bild anders aus.

Schwere Hypoglykämien, die eine Krankenhausaufnahme erforderlich machten, traten 7-mal in der intensiv behandelten Gruppe auf – und nur EINMAL in der konservativ behandelten Gruppe.

Sieben zu eins.

Bei nur 206 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Das sollte uns zumindest nachdenklich machen.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Befund:

Bei diesen sehr alten Menschen war die Wahrscheinlichkeit zu sterben größer als die Wahrscheinlichkeit, eines der untersuchten Gefäßereignisse zu erleben.

Das klingt zunächst brutal.

Es ist aber ein entscheidender Punkt für Therapieentscheidungen.

Wenn ein möglicher Vorteil einer sehr strengen Blutzuckereinstellung erst nach vielen Jahren zum Tragen kommt, gleichzeitig aber die Risiken der Behandlung ab heute auftreten können, verschiebt sich das Verhältnis von Nutzen und Risiko.

Das ist einer der Gründe, warum Therapieziele im hohen Alter individuell festgelegt werden sollten.

Und was hat das mit dem Pflegeheim zu tun?

Diese Studie wurde mit selbstständig mobilen Menschen ab 80 Jahren durchgeführt.

Ein 86-jähriger Mensch, der selbstständig lebt, geistig fit ist, regelmäßig isst und seinen Diabetes selbst managt, ist nicht dasselbe wie eine 86-jährige Bewohnerin eines Pflegeheims mit Demenz, Gebrechlichkeit, eingeschränkter Nierenfunktion und wechselndem Appetit.

Wir dürfen die Studienergebnisse also nicht einfach eins zu eins auf alle Menschen über 80 übertragen.

Aber gerade deshalb finde ich die Grundfrage so wichtig:

Was möchten wir mit der Diabetesbehandlung bei diesem konkreten Menschen eigentlich erreichen?

Wenn ein älterer Mensch durch eine sehr strenge Therapie immer wieder unterzuckert, dann ist ein HbA1c von 6,5 % ganz sicher keine Erfolgsgeschichte. Oder wenn ein alter Mensch nur mehr „zuckerfrei“ essen soll, wenn jeder höhere Blutzucker-Wert als kleine Katastrophe angesehen wird, wenn es „Verbote“ hagelt,… also dann muss man sich schon fragen, obs das „wert ist“.

Deshalb immer fragen:

Passt dieses Therapieziel zu diesem Menschen?

💚 Was die Zuckertante dazu meint

Gerade bei sehr alten Menschen darf Diabetesbehandlung nicht zum Labor-Terror werden.

Eine Hypoglykämie, eine Unterzuckerung („Hypo“) ist gefährlich, besonders im hohen Alter! Es kann Angst machen, einen Sturz begünstigen, zu Verwirrtheit führen und im schlimmsten Fall eine Krankenhaus-Einweisung notwendig machen.

Deshalb gehört für mich bei alten Menschen regelmäßig die Frage auf den Tisch:

Braucht dieser Mensch wirklich noch diese strenge Behandlung?

Vielleicht braucht er sie. Vielleicht aber auch nicht.

Medikamente abzusetzen oder Insulin-Dosierungen zu reduzieren ist dabei nicht automatisch ein „Aufgeben“.

Manchmal ist weniger Therapie die bessere Therapie.

Das muss selbstverständlich individuell und gemeinsam mit dem behandelnden Diabetes-Team entschieden werden, nicht aufgrund meines Blogartikels und nicht anhand des Geburtsdatums allein.

Aber wenn Sie einen hochbetagten Angehörigen haben, der immer wieder Unterzuckerungen erlebt, sollten Sie beim nächsten Termin ruhig fragen:

„Ist dieses HbA1c-Ziel für ihn oder sie wirklich noch sinnvoll?“

Das ist eine sehr vernünftige Frage.

3. DiabEthic: Wenn Diabetesberatung endlich zum wirklichen Leben passt

Die dritte Studie hat keinen neuen Wirkstoff untersucht, sondern etwas scheinbar ganz Einfaches:

Wie wir mit Menschen über Diabetes sprechen und sie dabei unterstützen.

Und siehe da – auch das kann messbare Auswirkungen haben.

Was wurde untersucht?

An der italienischen DiabEthic-Studie nahmen 202 erwachsene Migrantinnen und Migranten der ersten Generation mit Typ-2-Diabetes teil.

Sie hatten entweder eine neue Diabetesdiagnose oder einen HbA1c über 8 %.

Die Teilnehmer wurden einer von zwei Gruppen zugeteilt.

Die „Kontrollgruppe“ erhielt eine leitlinienbasierte Standardbetreuung, also die übliche Beratung und Behandlung.

Die andere Gruppe erhielt eine „kulturell angepasste, multidisziplinäre Intervention“, die gemeinsam mit Betroffenen entwickelt worden war.

Das bedeutet, dass Diätologen und Spezialisten für Kultur-Vermittlung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern arbeiteten. Sie gingen auf die persönliche Situation jedes einzelnen ein und nahmen viel Rücksicht auf kulturelle Gegebenheiten. Es ging dabei nicht nur um Wissen, sondern auch um Einstellungen und konkretes Selbst-Management im Alltag.

Nach zwölf Monaten wurde verglichen.

Und das Ergebnis?

Der primäre Endpunkt war die Veränderung des HbA1c.

Und hier zeigte sich ein Unterschied:

Die kulturell angepasste Intervention verbesserte den HbA1c gegenüber der Standardbetreuung um zusätzliche

−0,70 Prozentpunkte.

Auch bei Taillenumfang, Triglyzeriden, Gesamtcholesterin, dem Verzehr nicht raffinierter Getreideprodukte und der Einhaltung der Therapie zeigten sich statistisch signifikante Interventionseffekte.

Nicht signifikant unterschiedlich waren dagegen unter anderem Blutdruck, BMI, LDL-Cholesterin und körperliche Aktivität.

Das finde ich wichtig zu erwähnen.

Eine gute Studie wird nämlich nicht dadurch besser, dass wir nur die positiven Ergebnisse herauspicken.

Lag es einfach an mehr Medikamenten?

Offenbar nicht.

Die Intensität der medikamentösen Behandlung unterschied sich nicht so, dass sie den Effekt einfach erklären würde.

Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter und untersuchten statistisch, wodurch die HbA1c-Verbesserung vermittelt worden sein könnte.

Veränderungen beim Verzehr nicht raffinierter Getreideprodukte und beim Taillenumfang erklärten zusammen ungefähr 40 % des Effekts auf den HbA1c.

Auch hier gilt:

Das beweist nicht, dass diese beiden Veränderungen allein die Ursache waren.

Aber es gibt einen interessanten Hinweis darauf, wie eine besser angepasste Beratung wirken könnte.

Warum finde ich das so wichtig?

Weil wir bei „Lebensstilberatung“ manchmal so tun, als müssten wir einem Menschen nur die richtige Information geben.

„Essen Sie so.“

„Bewegen Sie sich so.“

„Nehmen Sie Ihre Medikamente.“

Fertig. Nur ist es nicht so einfach: Essen hat so viel mit Familie, Herkunft, Religion, Gewohnheiten, Geld, Arbeitszeiten, Gemeinschaft und Genuss zu tun.

Auch die Vorstellung davon, was Gesundheit bedeutet, wie man über Krankheit spricht oder welche Rolle Familie bei Entscheidungen spielt, kann in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich sein.

Wenn wir all das ignorieren und einfach unsere Standardzettel verteilen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Empfehlungen im Alltag nicht funktionieren.

💚 Was die Zuckertante dazu meint

Für mich steckt in dieser Studie eine Botschaft, die weit über Menschen mit Migrationsgeschichte hinausgeht:

Gute Diabetesberatung muss zum Leben passen.

Auch zwei Menschen, die beide in Wien geboren wurden, können völlig unterschiedliche Leben führen.

Der eine arbeitet Nachtschicht.

Die andere pflegt ihren Mann.

Der eine kocht jeden Abend frisch.

Die andere kann kaum stehen.

Einer liebt Frühstück.

Der nächste bekommt vor elf Uhr keinen Bissen hinunter.

Deshalb interessiert mich nicht nur:

„Was wäre theoretisch die perfekte Ernährung?“

Mich interessiert:

„Was ist in Ihrem Leben machbar – und was davon könnte Ihrem Stoffwechsel helfen?“

Dann probieren wir etwas aus.

Und anschließend fragen wir Ihren Körper, wie er damit zurechtkommt.

Die folgenden Zuckerwerte sind dann kein Urteil, keine Schulnoten!

Sie sind eine Rückmeldung.

Vielleicht passt die Veränderung wunderbar.

Vielleicht brauchen wir eine andere Idee, ein anderes Medikament, Insulin,…. Das ist keine Niederlage. Das ist einfach gute Diabetes-Behandlung.

4. Und jetzt doch noch GLP-1: Was kann Retatrutid?

So.

Jetzt sind wir drei Studien weit gekommen, ohne über eine neue Abnehmspritze zu sprechen.😉

Aber an der Studie TRIUMPH-2 kommen wir im September nicht vorbei.

Am 29. September wurden im Lancet die Phase-3-Ergebnisse zu Retatrutid bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht oder Adipositas veröffentlicht.

Und diese Ergebnisse sind tatsächlich bemerkenswert.

Was ist Retatrutid?

Retatrutid ist nicht einfach noch ein GLP-1-Rezeptoragonist.

Der Wirkstoff aktiviert gleichzeitig drei Rezeptorsysteme:

GIP + GLP-1 + Glukagon.

Deshalb wird häufig vom Triple-Agonisten gesprochen.

Und jetzt werden einige von Ihnen wahrscheinlich beim dritten Wort stutzig:

Glukagon?

Ist das nicht dieses Hormon, das den Blutzucker steigen lässt?

Ja. Glukagon hat nämlich nicht nur eine Wirkung auf den Blutzucker. Es beeinflusst auch den Energie-Verbrauch und weitere Stoffwechsel-Prozesse. Die Idee hinter einem Triple-Agonisten ist daher, mehrere hormonelle Signale gleichzeitig so zu kombinieren, dass sich ihre gewünschten Wirkungen ergänzen.

Ob daraus langfristig tatsächlich ein Vorteil gegenüber bereits verfügbaren Therapien entsteht, ist allerdings eine andere Frage.

Denn TRIUMPH-2 verglich Retatrutid mit Placebo, also mit einem Schein-Medikament, in dem kein Wirkstoff drin war.

Nicht mit Semaglutid, Ozempic und nicht mit Tirzepatid, Mounjaro.

Das sollte man bei spektakulären Schlagzeilen unbedingt mit bedenken.

Wie wurde die Studie gemacht?

In 92 Zentren in acht Ländern wurden 1.152 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes und einem BMI ab 27 kg/m² aufgenommen.

Das mittlere Alter betrug rund 55 Jahre, der durchschnittliche BMI 38,2 kg/m² und der HbA1c zu Beginn 7,71 %.

92 % nahmen bereits mindestens eine Tablette gegen Diabetes

Die Teilnehmer erhielten einmal wöchentlich entweder:

Retatrutid 4 mg,

Retatrutid 9 mg,

Retatrutid 12 mg oder

Placebo (das Scheinmedikament)

Beobachtet wurde über 80 Wochen.

Und wie viel Gewicht ging verloren?

Hier ist eine kleine Erklärung wichtig, weil Sie möglicherweise unterschiedliche Zahlen zu dieser Studie lesen werden.

Für klinische Studien können unterschiedliche statistische Fragestellungen berechnet werden.

In der publizierten Analyse, die berücksichtigt, was mit den randomisierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch bei Therapieabbrüchen oder anderen Ereignissen während der Studie geschah, betrug die durchschnittliche Gewichtsveränderung:

Retatrutid 4 mg: −11,9 %

Retatrutid 9 mg: −16,8 %

Retatrutid 12 mg: −18,8 %

Placebo: −5,1 %.

Bei 12 mg betrug der Unterschied gegenüber Placebo damit −13,8 Prozentpunkte.

Vielleicht haben Sie aber auch schon von 20,8 % Gewichtsverlust gelesen.

Auch diese Zahl stammt aus TRIUMPH-2. Sie stammt jedoch aus einer anderen statistischen Auswertung, die im Wesentlichen fragt, welcher Effekt zu erwarten wäre, wenn die Behandlung wie vorgesehen fortgeführt wird.

Deshalb können zwei unterschiedliche Zahlen über dieselbe Studie im Umlauf sein, ohne dass eine davon zwangsläufig „falsch“ ist.

Für unsere Einordnung verwende ich hier die konservativere, im wissenschaftlichen Abstract berichtete Auswertung.

Die Ergebnisse sind jedenfalls beeindruckend!

Und was passierte mit dem HbA1c?

Das ist für uns natürlich mindestens genauso interessant.

Ausgehend von einem durchschnittlichen HbA1c von rund 7,7 % sank der HbA1c nach 80 Wochen unter Retatrutid ungefähr um:

4 mg: −1,4 Prozentpunkte

9 mg: −1,5 bis −1,6 Prozentpunkte

12 mg: −1,5 Prozentpunkte.

Auch hier: beeindruckende Ergebnisse!

Je nach verwendeter statistischer Auswertung liegen die exakten Zahlen geringfügig auseinander – an der Größenordnung ändert das aber nichts.

Retatrutid war in dieser Studie also nicht nur ein Medikament zur Gewichtsreduktion. Auch die Diabetes-Einstellung verbesserte sich deutlich. Das ist wichtig, denn TRIUMPH-2 wurde ausdrücklich bei Menschen mit Typ-2-Diabetes durchgeführt.

Was ist mit den Nebenwirkungen?

Am häufigsten waren Magen-Darm-Beschwerden.

Durchfall trat je nach Retatrutid-Dosis bei ungefähr 27 bis 34 % der Teilnehmer auf, gegenüber rund 13 % unter Placebo.

Übelkeit betraf ungefähr 14 bis 28 %, gegenüber 8 % unter Placebo.

Auch niedriger Blutdruck und sogenannte Dysästhesien – also unangenehme oder veränderte Hautempfindungen – wurden unter Retatrutid häufiger beobachtet.

Dysästhesien traten je nach Dosierung bei ungefähr 4 bis 7 % unter Retatrutid und bei rund 1 % unter Placebo auf.

Ein dauerhafter Therapieabbruch aufgrund unerwünschter Ereignisse oder Tod kam bei ungefähr

4 % unter 4 mg,

12 % unter 9 mg,

8 % unter 12 mg

und

5 % unter Placebo

vor.

Während der Studie starben sieben Teilnehmer – sechs in den Retatrutid-Gruppen und einer in der Placebogruppe. Die Prüfärzte stuften diese Todesfälle nicht als durch die Studienbehandlung verursacht ein.

Ist Retatrutid besser als Ozempic oder Mounjaro?

Das können wir aus TRIUMPH-2 nicht wirklich beantworten.

Das ist mir wichtig. Wenn Sie jetzt irgendwo lesen:

„Retatrutid schlägt Ozempic und Mounjaro!“

dann seien Sie ein bisschen skeptisch.

TRIUMPH-2 hatte eine Placebogruppe.

Es gab keine Ozempic-Gruppe und keine Mounjaro-Gruppe.

Man kann Gewichtsverluste aus verschiedenen Studien nebeneinanderstellen. Das ist aber kein fairer wissenschaftlicher Direktvergleich, weil Teilnehmer, Studiendauer, Begleittherapie und viele andere Faktoren unterschiedlich sein können.

Für die Frage, ob Retatrutid tatsächlich besser ist als bereits verfügbare Medikamente, brauchen wir direkte Vergleichsstudien.

Kann ich Retatrutid schon bekommen?

Nein.

Retatrutid ist derzeit ein Prüfmedikament und noch keine regulär verfügbare Diabetes- oder Adipositastherapie.

Die Phase-3-Daten sind ein wichtiger Schritt.

Aber eine positive Phase-3-Studie ist noch keine Zulassung.

Und bitte kaufen Sie keine angeblichen „Retatrutid“-Produkte aus dubiosen Internetquellen!!!

💚 Was die Zuckertante dazu meint

Ja, die Zahlen sind beeindruckend.

Und ja, Retatrutid könnte eine weitere interessante Therapieoption werden.

Aber ich möchte nicht, dass aus jeder neuen Studie sofort die Botschaft wird:

„Das ist jetzt die neue Wunderspritze.“

Wir haben 80-Wochen-Daten aus einer großen randomisierten Studie.

Was wir noch nicht haben, sind jahrelange Erfahrungen im medizinischen Alltag. Und TRIUMPH-2 beantwortet auch nicht die Frage, ob Retatrutid für einen bestimmten Menschen besser wäre als eine bereits verfügbare Therapie.

Das werden weitere Daten zeigen müssen.

Und vor allem:

Wenn Ihr Diabetes mit Ihrer jetzigen Behandlung gut läuft und Sie sich damit wohlfühlen, müssen Sie nicht nervös werden, nur weil am Horizont schon wieder ein neuer Wirkstoff auftaucht.

Ihre Bauchspeicheldrüse liest keine Pharmanews.

Sie braucht die Unterstützung, die für Ihren Körper passt.

Was nehme ich aus diesen vier Arbeiten mit?

Auf den ersten Blick könnten die vier Themen kaum unterschiedlicher sein.

Insulinresistenz.

Diabetes mit über 80.

Kultursensible Beratung.

Und ein neuer Triple-Agonist.

Aber für mich erzählen sie erstaunlicherweise dieselbe Geschichte:

Typ-2-Diabetes ist individuell.

Nicht jeder Mensch hat dieselbe Form von Insulinresistenz.

Nicht jeder Mensch braucht denselben HbA1c.

Nicht jeder Mensch kann mit denselben Ernährungstipps etwas anfangen.

Und nicht jeder Mensch braucht das neueste Medikament.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Diabetologie:

Wir fragen immer weniger:

„Was macht man bei Typ-2-Diabetes?“

Und hoffentlich immer öfter:

„Was braucht dieser Mensch mit seinem Typ-2-Diabetes?“

Manchmal lautet die Antwort: ein Medikament. Oder Insulin, Bewegung, Entspannung,…

Meistens eine verständlichere Beratung.

Und manchmal müssen wir einfach genauer hinschauen und Ihren Körper fragen, ob das, was wir gerade tun, für ihn gut passt.

Bei Diabetes haben wir es da recht gut: Die Zuckerwerte geben uns prompt Rückmeldung.

Die Werte zeigen Ihnen und uns Ärzten sehr bald, ob und wie etwas bei Ihnen funktioniert. Immer bleibt aber der wichtigste Rat:

Seien Sie nett zu Ihrer Bauchspeicheldrüse – sie braucht das.

Helfen Sie ihr mit gesundem Essen, Bewegung, Entspannung und mit den für Sie passenden Medikamenten als Tabletten oder als Spritzen.

Und denken Sie daran:

Leben mit Diabetes muss nicht SO schwer sein.

Die Originalarbeiten

1. Insulinresistenz

Gastaldelli A, Choi E, Conde-Knape K et al. Insulin resistance in the 21st century: new takes on an old problem—2025 Diabetes, Diabetes Care, and Diabetologia Expert Forum. Diabetologia. Published 28 September 2026.

Zusammenfassung (englisch):
https://link.springer.com/article/10.1007/s00125-026-06853-9

2. Diabetes ab 80 Jahren

Yang JH, Yeh YK, Chen HS. Intensive glycemic control in adults aged 80 years and older: A randomized trial evaluating diabetes complications and competing mortality. Diabetes Research and Clinical Practice. 2026;239:113483.

Zusammenfassung (englisch):
https://doi.org/10.1016/j.diabres.2026.113483

3. DiabEthic

Pellegrino A, Bonvicini L, Petrelli A et al. Efficacy of co-created, culturally-sensitive intervention for type 2 diabetes self-management education in immigrants in Italy: The DiabEthic randomized clinical trial.

Zusammenfassung (englisch):
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42520979/

4. Retatrutid: TRIUMPH-2

Bellido V, le Roux CW, Ekinci EI et al. Retatrutide in adults with obesity and type 2 diabetes (TRIUMPH-2): a double-blind, parallel-group, randomised, placebo-controlled, phase 3 trial

Zusammenfassung (englisch):
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(26)01861-1/abstract

Gruß von der Zuckertante
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