Medizin-Nobelpreis! Geht er an Forscher der GLP1??
Edit 11:30 Uhr: nein, ging an Forscher zu Optogenetik! Aber ich lass den Beitrag mal trotzdem stehen
Daniel Drucker: Ein Forscher hinter einer neuen Ära der Diabetes-Behandlung
Daniel Drucker hat mitgeholfen, den Weg für Medikamente wie Victoza, Trulicity, Ozempi, Mounjaro… zu bereiten.
Ich stelle Ihnen heute diesen Wissenschafter vor – und für alle, die Englisch können, ein wirklich hörenswertes Gespräch mit ihm!
Vor dem Medizin-Nobelpreis 2026 fragen sich viele, ob die Entdeckung der neuen Medikamentenklasse GLP1 ausgezeichnet wird – oder doch eher etwas aus der Immunologie?
Immerhin: der wissenschaftliche Informationsdienst Clarivate hat Daniel Drucker, Jens Juul Holst und Svetlana Mojsov zu seinen „Citation Laureates 2026“ ernannt. Diese Auszeichnung würdigt Forschende, deren wissenschaftlicher Einfluss als nobelpreiswürdig eingeschätzt wird.
Eine kleine Präzisierung gehört dazu: Das ist keine offiziell bestätigte Nobelpreis-Nominierung., auch wenn das heute in den Nachrichten so verbreitet wurde! Wer tatsächlich für den Nobelpreis vorgeschlagen wird, das bleibt 50 Jahre lang geheim.
Ein Arzt, der verstehen wollte, wie Hormone arbeiten
Daniel Drucker ist kanadischer Arzt und Hormonspezialist. Er ist Professor für Medizin an der University of Toronto und forscht am Lunenfeld-Tanenbaum Research Institute von Sinai Health in Toronto. Schon in den 1980er-Jahren beschäftigte er sich mit Hormonen, aus denen später wichtige Medikamente entstehen sollten.
Damals standen keine „Abnehmspritzen“ im Rampenlicht. Es ging um grundlegende Fragen: Welche Botenstoffe stellt unser Körper her? Was bewirken sie? Und könnte man ihre Wirkung nutzen, um Krankheiten besser zu behandeln?
Solche Forschung ist oft unspektakulär anzuschauen. Zellkulturen, Messungen, Versuche, die immer wieder geduldig wiederholt und ausgewertet werden müssen.
Manchmal beginnt genau in diesen Laboren für Grundlagen-Forschung etwas, das Jahrzehnte später die Behandlung verändert.
„Der Darm hat der Bauchspeicheldrüse etwas mitzuteilen“
Unser Darm ist weit mehr als ein Schlauch, durch den das Essen wandert. Er bildet auch selbst Hormone – also Botenstoffe, die anderen Organen Nachrichten übermitteln.
Einer dieser Botenstoffe heißt GLP-1, ausgeschrieben „Glucagon-like Peptide-1“.
Stark vereinfacht können Sie sich eine seiner Aufgaben so vorstellen: Nach einer Mahlzeit meldet der Darm der Bauchspeicheldrüse, dass Nährstoffe ankommen. GLP-1 hilft dabei, die Insulin-Ausschüttung an diese Situation anzupassen.
Drucker und seine Mitforschenden zeigten in einer 1987 veröffentlichten Arbeit an gezüchteten Rattenzellen, dass eine wirksame Form von GLP-1 die Insulin-Freisetzung und die Vorgänge zur Insulin-Herstellung anregen kann. An dieser Arbeit waren unter anderem auch Svetlana Mojsov und Joel Habener beteiligt.
Das war noch kein fertiges Medikament. Aber ein entscheidender Hinweis: Hier gibt es einen körpereigenen Signalweg, den man für die Diabetes-Behandlung nutzen könnte.
Aus einer Frage im Labor wurde eine neue Möglichkeit, Menschen zu helfen.
Warum es mehr als einen „Vater der Abnehmspritze“ gibt
Daniel Drucker wird gern als „Vater der Abnehmspritze“ bezeichnet. Das ist eine griffige Überschrift. Die tatsächliche Geschichte hat allerdings viele Beteiligte.
Svetlana Mojsov leistete entscheidende Arbeit daran, die biologisch wirksame Form von GLP-1 zu identifizieren und herzustellen. Jens Juul Holst und sein Team trugen wesentlich dazu bei, seine Rolle als Darmhormon und seine Wirkung auf die Insulin-Ausschüttung aufzuklären. Drucker untersuchte wichtige Wirkungen auf die insulinbildenden Zellen und später zahlreiche weitere Funktionen dieser Hormone.
Dazu kamen viele andere: Forschende in Universitäten und Unternehmen, Entwicklungsteams, Ärztinnen und Ärzte in Studien – und natürlich die Menschen, die an diesen Studien teilnahmen.
2025 erhielten deshalb gleich fünf Forschende gemeinsam den Breakthrough Prize in Life Sciences für Beiträge zur GLP-1-Geschichte: Daniel Drucker, Joel Habener, Jens Juul Holst, Lotte Bjerre Knudsen und Svetlana Mojsov. Den Wolf-Preis für Medizin hatte Drucker bereits 2023 erhalten.
Medizinischer Fortschritt entsteht durch viele Menschen, die auf der Arbeit anderer aufbauen.
Und dann kommt tatsächlich eine Echse ins Spiel
Zu dieser Geschichte gehört ein Tier mit einem wenig vertrauenerweckenden Namen: das Gila-Monster, auf Deutsch Gila-Krustenechse. Das ist ein bis zu 50 cm großes giftiges Tier, es lebt im Süden der USA und in Mexiko – und übrigens im Wüstenhaus in Schönbrunn in Wien, einem Terrarium gleich links neben dem Eingang! Das pharmazeutische Unternehmen Eli Lilly, das das 1. Medikament dieser Gruppe entwickelt hat, das Byetta, seit 2006 in der EU zugelassen, hat dem Tiergarten Schönbrunn die unter Artenschutz stehenden Gila-Krustenechsen gespendet. Sie wurden sinnigerweise auf die Namen „Sugar“ und „Gluko“ getauft.
Die große Schwierigkeit davor war nämlich: Das GLP-1des Menschen wird sehr rasch abgebaut. Für ein alltagstaugliches Medikament brauchte man eine viel länger anhaltende Wirkung.
Damals wollten Forscher herausfinden, was Gift-Stoffe von verschiedenen Tieren genau im Magen-Darm-Trakt von Versuchstieren ( Schweinen) bewirken. Dabei viel ihnen die Wirkung des Giftes des GILA Monsters auf die INsulin-Produktin udn -Abgabe auf. Der Forscher John Eng und sein Team isolierten aus dem Giftsekret der Echse einen Stoff namens Exendin-4. Dieser wirkt am GLP-1-Rezeptor und hält wesentlich länger durch als das natürliche menschliche GLP-1. Daraus entstand der Wirkstoff Exenatid.
2005 wurde Exenatid in den USA als erstes Medikament dieser Wirkstoffklasse zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen, dann auch in Europa, das war das Byetta – gibt es heute schon lange nicht mehr.
Für alle, die bei der Echse kurz zusammengezuckt sind: Das Medikament enthält synthetisch hergestellten Wirkstoff. Es wurde kein Echsengift gespritzt!
Die Natur hat hier eine interessante Vorlage geliefert. Bis daraus eine verlässliche Behandlung wurde, war trotzdem sehr viel Forschung nötig, die Substanz wurde weiter entwickelt, verändert, ganz wichtig dabei war Daniel Drucker und sein Team… bis….
Was davon heute bei Menschen mit Diabetes ankommt
Ein Beispiel ist Semaglutid, der Wirkstoff in Ozempic. Es aktiviert die Andockstellen für GLP-1 und unterstützt dadurch die Insulin-Ausschüttung. Es kann den Blutzucker senken und zur Gewichtsabnahme beitragen.
Tirzepatid, enthalten in Mounjaro, geht einen etwas anderen Weg: Es wirkt an den Andockstellen von zwei Darmhormonen, GLP-1 und GIP. Es gehört deshalb genauer gesagt zu den kombinierten GIP-/GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Auch hier spielen Wirkungen auf die Bauchspeicheldrüse und auf die Appetitregulation zusammen.
Hinter den ähnlich aussehenden Pens stecken also durchaus unterschiedliche Wirkstoffe.
Und es geht längst um mehr als die Zahl auf der Waage. Inzwischen sind für diese Medikamente auch Vorteile für Herz und Kreislauf nachgewiesen. Semaglutid hat außerdem in der FLOW-Studie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und chronischer Nierenerkrankung das Risiko wichtiger Nieren- und Herz-Kreislauf-Ereignisse gesenkt. Solche Ergebnisse darf man allerdings nicht automatisch auf jedes Präparat und jeden Menschen übertragen.
Für mich ist das ein guter Anlass, an etwas zu erinnern:
Medikamente sind keine Bestrafung für schlechte Zuckerwerte oder für hartnäckiges Übergewicht!! Sie sind Hilfen für den Stoffwechsel und wir sind froh, dass wir sie haben.
Ob ein bestimmtes Medikament zu Ihnen passt, wird immer gemeinsam mit Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten entschieden. Dabei zählen Ihre Erkrankungen, Ihre Ziele und ebenso die Verträglichkeit. Denn auch sehr wirksame Medikamente können Beschwerden verursachen, bei diesen Wirkstoffen beispielsweise Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall.
Druckers Forschung reicht auch über Diabetes hinaus
Ein weniger bekannter Teil seiner Arbeit betrifft GLP-2, ein verwandtes Darmhormon. Druckers Forschung trug auch zur Entwicklung einer Behandlung für Menschen mit Kurzdarmsyndrom bei. Das ist eine schwere, sehr belastende Krankheit. Wenn zu wenig funktionsfähiger Darm vorhanden ist, können Nahrung und Flüssigkeit nicht ausreichend aufgenommen werden. Manche Betroffene brauchen deshalb regelmäßig Nährstoffe und Flüssigkeit direkt über die Vene.
Das Medikament Teduglutid ahmt die Wirkung von GLP-2 nach und verbessert die Aufnahmeleistung des verbliebenen Darms. Dadurch kann sich der Bedarf an dieser Versorgung über Infusionen verringern. Es lässt also keinen entfernten Darm nachwachsen, kann den Alltag der Betroffenen aber erheblich erleichtern.
Auch das gehört zu Daniel Druckers wissenschaftlichem Lebenswerk. Die Schlagzeile von der „Abnehmspritze“ erzählt davon nur einen kleinen Ausschnitt.
Meine Hör-Empfehlung: Daniel Drucker im Gespräch mit Eric Topol
Wer Daniel Drucker selbst kennenlernen möchte, findet ein interessantes Gespräch im Podcast „Ground Truths“ von Eric Topol:
Daniel Drucker: Illuminating the GLp1-Drugs Break Out
https://erictopol.substack.com/p/daniel-drucker-illuminating-the-glp
Die Folge erschien am 6. April 2024, dauert rund 37 Minuten und ist auf Englisch. Auf derselben Seite steht ein Transkript, das sich bei Bedarf mit der Übersetzungsfunktion des Browsers lesen lässt.
Drucker spricht über die Entwicklung der Medikamente, ihre Wirkungen und die offenen Fragen. Besonders sympathisch finde ich seine wissenschaftliche Zurückhaltung: Bei manchen Zusammenhängen sagt er ganz offen, dass sie noch nicht ausreichend verstanden sind. Auch die Frage, wie solche Behandlungen für mehr Menschen bezahlbar und zugänglich werden können, kommt zur Sprache.
Bitte beachten Sie das Erscheinungsdatum: Das Gespräch bietet einen spannenden Einblick in die Forschung und in Druckers Denken. Aussagen über damals laufende Studien und erhoffte neue Anwendungen geben den Stand von April 2024 wieder. Sie sind keine aktuelle Behandlungsempfehlung.
Was ich Ihnen aus dieser Geschichte mitgeben möchte
Wenn man heute einen Medikamenten-Pen in der Hand hält, sieht man ihm seine Vorgeschichte nicht an. Man sieht nicht die Menschen, die jahrzehntelang Fragen gestellt, Versuche wiederholt und Ergebnisse kritisch geprüft haben.
Ich finde es schön, gelegentlich hinter die Namen auf den Packungen zu schauen.
Und für unseren Umgang mit Diabetes steckt noch etwas darin: Unser Stoffwechsel arbeitet mit einem ganzen Netzwerk aus Signalen. Da ist noch einiges dabei, gerade erforscht zu werden, und wir werdenin den nächsten Jahren weitere neue Medikamente bekommen.
Die Erforschung des Systems der Darm-Hormone ist so ein wichtiger Meilenstein in der Medizin-Geshcichte und ich hlate für die heutige Nobelpreis-Verleihung ganz fest die Daumen!

Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!