Was die Zuckertante liest:
Neue Diabetes-Studien vom Juni 2026 – verständlich erklärt
Hinweis: Jeden Monat erscheinen weltweit hunderte neue Arbeiten zum Thema Diabetes. In dieser Rubrik stelle ich eine persönliche Auswahl von Studien vor, die ich für besonders interessant oder alltagsrelevant halte. Der Anspruch ist nicht Vollständigkeit, sondern verständliche Einordnung: Was wurde untersucht, was kam heraus – und was könnte das für Menschen mit Typ-2-Diabetes bedeuten?
Keine Zeit zum Lesen? Hier zum Zuhören, darunter ist die Kurzfassung:
Studie 1: CagriSema – ein neues Medikament gegen Typ-2-Diabetes
Ein neues Medikament hat in mehreren Studien den Blutzucker deutlich verbessert. Es besteht aus einem schon bekannten Medikament (Ozempic) und einem neuen, das wirkt wie Amylin. Amylin ist auch wichtig für das Gefühl dass man satt ist .
Und es sagt der Leber, dass sie nach dem Essen nicht so viel Zucker ins Blut abgeben muss.
Man muss das neue Medikament einmal in der Woche spritzen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen außerdem viel Gewicht ab. Das galt sogar für Menschen, die schon Insulin spritzten. Das Medikament ist noch nicht allgemein erhältlich. Die Studien zeigen aber, wohin sich die Diabetes-Behandlung entwickelt.
Studie 2: CONNECT-Studie - Zucker-Sensoren auch ohne Insulin?
Viele glauben, ein Zucker-Sensor sei nur für Menschen mit Insulin gedacht. Eine neue Studie zeigt etwas anderes. Menschen mit Typ-2-Diabetes ohne Insulin hatten bessere Zuckerwerte und verbrachten jeden Tag rund fünf Stunden länger mit guten Zuckerwerten. Ein Sensor kann also helfen, den eigenen Diabetes besser zu verstehen.
Studie 3: A U.K. Cohort Study - Früh abnehmen kann sich auszahlen
Menschen, die in den ersten zwei Jahren nach der Diagnose deutlich Gewicht verloren, bekamen später seltener Herz-, Nieren- und Augenerkrankungen. Die Studie zeigt vor allem eines: Gerade die ersten Jahre nach der Diagnose sind besonders wichtig. Niemand muss deshalb 15 % abnehmen. Jede Verbesserung zählt.
Studie 4: Die Leber, der Zucker und das Glukagon
Eine deutsche Studie zeigt, dass die Leber beim Typ-2-Diabetes eine größere Rolle spielt als bisher gedacht.
Glukagon ist auch ein Hormon aus der Bauchspeicheldrüse. Es ist auch sehr wichtig für den Zucker-Haushalt. Das untersucht die Studie - sie hilft zu verstehen, warum Diabetes nicht nur mit Insulin zu tun hat. Neue Erkenntnisse könnten in Zukunft auch neue Behandlungen möglich machen.
Und hier nun die genaueren Beschreibungen der 4 Studien:
4 Studien aus Juni 20261. CagriSema: Ein neues Kombinationsmedikament senkt HbA1c und Gewicht
Auf der großen Diabetes-Tagung der American Diabetes Association im Juni 2026 wurden mehrere Studien zu einem neuen Medikament vorgestellt: CagriSema.
CagriSema ist eine Kombination aus zwei Wirkstoffen:
Cagrilintid, ein "Amylin-Analogon".
Semaglutid, ein GLP-1-Rezeptoragonist, bekannt aus Ozempic/Wegovy.
GLP-1 kennen inzwischen viele. Amylin ist noch recht unbekannt, aber auch ein sehr interessantes Hormon.
Was ist Amylin?
Amylin wird in der Bauchspeicheldrüse von den Betazellen gebildet, die auch Insulin herstellen. Wenn ein gesunder Körper nach dem Essen Insulin ausschüttet, wird gleichzeitig auch Amylin ausgeschüttet.
Insulin hilft dabei, Zucker aus dem Blut in die Körperzellen zu bringen. Amylin macht etwas anderes: Es bremst die Magenentleerung, fördert das Sättigungsgefühl und hilft dabei, dass nach dem Essen nicht zu viel Zucker aus der Leber ins Blut abgegeben wird.
Man könnte also sagen: Insulin kümmert sich um den Zucker im Blut. Amylin hilft mit, dass nicht zu viel Zucker auf einmal nachkommt – und dass man früher merkt: „Danke, ich bin satt.“
Bei Typ-2-Diabetes ist dieses Zusammenspiel oft gestört. Und genau deshalb ist die Idee spannend, einen GLP-1-Wirkstoff mit einem Amylin-artigen Medikament zu kombinieren.
Was wurde untersucht?
Die REIMAGINE-Studien untersuchten CagriSema bei Menschen mit Typ-2-Diabetes in unterschiedlichen Stadien.
REIMAGINE 1 untersuchte 189 Erwachsene mit frühem Typ-2-Diabetes, deren Werte mit Ernährung und Bewegung allein nicht ausreichend gut eingestellt waren. Die Studie dauerte 40 Wochen. In der höheren Dosierung CagriSema 2,4 mg/2,4 mg sank der HbA1c von durchschnittlich 7,8 % um 1,8 Prozentpunkte. Das Körpergewicht sank um 13,8 %. Zum Vergleich: Bei den Menschen, die das Medikament nicht bekommen hatten, sondern nur eine wirkungslose Spritze, sank der HbA1c nur um 0,1 Prozentpunkte und das Gewicht nur um 1,4 %.
REIMAGINE 2 war deutlich größer: 2.713 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, deren Werte auch nicht gut genug eingestellt waren, obwohl sie schon Metformin, nahmen teils auch zusätzlich SGLT2-Hemmer wie Empaglifozin (Jardiance) oder Dapaglifozin (Forxiga). Diese Studie dauerte 68 Wochen, 1 1/4 jahre. Unter CagriSema 2,4 mg/2,4 mg sank der HbA1c um 1,91 Prozentpunkte, das Gewicht um 14,2 %. Unter Semaglutid 2,4 mg alleine sank der HbA1c um 1,75 Prozentpunkte und das Gewicht um 10,2 %. CagriSema war hier also stärker – vor allem beim Gewicht.
REIMAGINE 3 untersuchte 274 Erwachsene mit länger bestehendem Typ-2-Diabetes, die bereits Basalinsulin verwendeten, mit oder ohne Metformin. Auch diese Studie dauerte 40 Wochen. Unter CagriSema 2,4 mg/2,4 mg sank der HbA1c von durchschnittlich 8,8 % um 2,33 Prozentpunkte, das Gewicht um 12,0 %. In der Placebogruppe sank der HbA1c nur um 0,66 Prozentpunkte, das Gewicht stieg sogar leicht um 1,1 %.
Das ist schon beachtlich. Gerade bei Menschen, die bereits Basalinsulin spritzen, sieht man ja häufig: Der Zucker wird besser, aber das Gewicht macht nicht mit – oder geht sogar etwas nach oben. Hier war es anders.
Nebenwirkungen?
Wie bei GLP-1-Medikamenten zu erwarten, waren Magen-Darm-Beschwerden die häufigsten Nebenwirkungen: Übelkeit, Völlegefühl, Verdauungsprobleme. In REIMAGINE 2 hatten 67,2 % der Teilnehmenden unter der höheren CagriSema-Dosis gastrointestinale Nebenwirkungen, verglichen mit 53,9 % unter Semaglutid 2,4 mg und 28,2 % unter Placebo. Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen traten in REIMAGINE 2 bei 8,5 % unter CagriSema 2,4 mg/2,4 mg auf.
Das heißt: Wir reden hier nicht von einem kleinen Zuckerl ohne Nebenwirkungen. Wir reden von einem wirksamen Medikament. Wirksame Medikamente haben fast immer auch mögliche Schattenseiten.
Was bedeutet das für Sie?
Zunächst einmal: CagriSema ist kein Medikament, das Sie jetzt einfach beginnen können.
Es ist eine kommende Therapieoption, nicht die neue "Wunderbehandlung" ab nächstem Montag.
Aber die Richtung ist wichtig. Die moderne Diabetes-Medizin sagt immer weniger: „Wir wollen den Blutzucker senken!“, sondern: "Wir wollen Blutzucker, Gewicht, Herz-Kreislauf-Risiko, Leber und Nieren behandeln und Schätzen und so die Lebensqualität verbessern."
Das gefällt mir sehr. Denn Typ-2-Diabetes ist keine reine Zuckerkrankheit. Typ-2-Diabetes ist eine Stoffwechselkrankheit, eine Krankheit, die den ganzen Körper betrifft!
2. CGM auch ohne Insulin: Zucker-Sensoren könnten viel mehr Menschen helfen
Ich bin schon seit langem davon überzeugt, dass "14 Tage lang einen Sensor tragen" für ALLE Menschen mit Typ 2 Diabetes eine ganz wichtige und hilfreiche Erfahrung sein kann. Man kann da so gut am eigenen Körper beobachten, wie sich verschiedenes Essen; Bewegung, Stress, auswirken. Gerade bei neuer Diabetes-Diagnose ermuntere ich immer, sich kostenlose Probe-Sensoren zu holen und auch später vor allem bei Schwierigkeiten oder Therapie-Umstellungen - wenn es halt finanziell möglich ist.
Für Menschen, die Insulin spritzen sind Sensoren, also kontinuierliche Glukosemesssysteme, kurz CGM, besonders wichtig. Wer Insulin spritzt, muss Unterzuckerungen erkennen, Mahlzeiten einschätzen, Korrekturen machen. Da ist ein Sensor wichtig und wird auch von den Krankenkassen in Österreich und Deutschland bezahlt.
Aber was ist mit Menschen mit Typ-2-Diabetes, die kein Insulin verwenden? Kann man da Erfolge sehen?
Genau das untersuchte die CONNECT-Studie.
Connect Studie: Was wurde untersucht?
Die CONNECT-Studie war eine randomisierte kontrollierte Studie in 22 Hausarztpraxen in den USA. Teilgenommen haben 283 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, die kein Insulin verwendeten. Das Durchschnittsalter lag bei 60 Jahren. Der HbA1c lag zu Beginn zwischen 7,1 % und 14,9 %, der Durchschnitt bei 8,8 %. Die Studie dauerte 26 Wochen.
Eine Gruppe bekam ein CGM-System, den Dexcom G7. Die Vergleichsgruppe erhielt Routineversorgung mit der bekannten Blutzuckermessung aus dem Finger.
Das Ergebnis
Nach sechs Monaten war der HbA1c in der CGM-Gruppe um 0,9 Prozentpunkte stärker gesunken als in der Routinegruppe. Die Zeit im Zielbereich von 70 bis 180 mg/dl war in der CGM-Gruppe etwa fünf Stunden pro Tag länger. Außerdem berichteten die Teilnehmenden mehr Zufriedenheit mit der Glukosekontrolle und weniger diabetesbezogene Belastung.
Fünf Stunden mehr pro Tag im Zielbereich – das ist ein richtig gutes Ergebnis! Das sind fünf Stunden weniger zu hoch, ruhigere Zuckerwerte, deutlich weniger Belastung für den ganzen Körper.
Man spricht da auch von 5 Stunden mehr in „Time in Range“
Was ist „Time in Range“?
Früher haben wir fast nur auf den HbA1c geschaut.
Der HbA1c ist wichtig. Er zeigt ungefähr, wie hoch der durchschnittliche Blutzucker in den letzten zwei bis drei Monaten war. Aber er ist ein Durchschnitt. Durchschnittswerte können täuschen. 2Menschen können denselben HbA1c haben. Der eine hat relativ stabile Werte, derer andere hat Achterbahn: nach dem Frühstück 280 mg/dl, später wieder 90 mg/dl, dann nach Stress wieder 250 mg/dl.
Der HbA1c sieht ähnlich aus. Das Leben fühlt sich aber ganz anders an. Die Time in Range zeigt, wie viel Prozent des Tages der Zucker im Zielbereich liegt. Meist nimmt man 70 bis 180 mg/dl.
Ein Sensor macht sichtbar, was ein einzelne Fingerpikse nie zeigen kann: Was macht mein Frühstück mit dem Blutzucker, der Spaziergang, der Stress im Beruf, die Arbeit, der Haushalt, schlechter Schlaf
Was bedeutet das für Sie?
Vielleicht brauchen Sie gar keinen Sensor, weil Ihre Werte gut sind. Aber wenn Ihr HbA1c trotz Tabletten nicht dort ist, wo er sein sollte, wenn Sie oft rätseln, warum der Zucker "spinnt", oder wenn Sie endlich sehen möchten, wie Ihr Körper auf Essen, Bewegung und Stress reagiert, dann könnte ein Sensor eine Hilfe sein,..
Natürlich bleiben Fragen offen:
Wer bezahlt das? Wie lange soll man so einen Sensor tragen? Reicht ein Sensor für zwei Wochen als „Lernphase“? Oder braucht man ihn dauerhaft? Und was passiert, wenn Menschen durch zu viele Daten eher gestresst als entlastet werden?
Das muss individuell entschieden werden. Aber die CONNEXT-Studie zeigt: CGM ist nicht nur ein Thema für Insulintherapie. Es kann auch bei Typ-2-Diabetes ohne Insulin hilfreich sein. (haben wir ja schon "immer " gewusst, aber es ist gut, das in einer Studie bestätigt zu sehen!)
3. Früh abnehmen lohnt sich
Die dritte Studie ist eine große britische Beobachtungsstudie. Sie untersuchte Menschen mit Typ-2-Diabetes und Adipositas. Die Frage war:
Was passiert langfristig, wenn Menschen gleich innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Diabetes-Diagnose mindestens 15 % ihres Körpergewichts verlieren?
Verglichen wurden diese Personen mit Menschen, deren Gewicht weitgehend stabil blieb, also weniger als 2 % Gewichtsveränderung. Die Forschenden nutzten britische Versorgungsdaten aus den Jahren 2000 bis 2024 und verknüpften Hausarztdaten mit Krankenhaus- und Sterbedaten.
Was kam heraus?
Menschen, die bald nach der Diabetes-Diagnose mindestens 15 % ihres Gewichts verloren, hatten später ein niedrigeres Risiko für große Gefäßereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Angina pectoris oder periphere arterielle Verschlusskrankheit. Sie hatten ein um14 % niedrigeres relatives Risiko im Vergleich zur stabilen Gewichtsgruppe.
Auch Komplikationen an den kleinen Blutgefäßen in den Nieren, Augen, Nerven traten seltener auf. Hier war das relative Risiko ungefähr 10% weniger.
Zusätzlich hatten die Menschen mit früher starker Gewichtsabnahme bessere Zucker- und Blutdruckwerte – obwohl sie weniger Medikamente verwendeten.
Jetzt bitte nicht falsch lesen, bitte lesen Sie daraus nicht: „Ich muss 15 % abnehmen, sonst habe ich versagt.“
So ist diese Studie nicht gemeint. Erstens ist es eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang. Sie beweist nicht endgültig, dass allein die Gewichtsabnahme die Ursache für alle späteren Vorteile war.
Zweitens sind 15 % Gewichtsabnahme schon eine Ansage - bei 100 kg Körpergewicht wären das 15 kg., bei 120 kg wären es 18 kg weniger.
Das ist für manche Menschen erreichbar. Für andere im Moment nicht. Niemandem ist geholfen, wenn aus einer ermutigenden Studie wieder ein neues schlechtes Gewissen wird.
Die eigentliche Botschaft ist eine andere:
Gerade früh nach der Diagnose lohnt es sich, den Diabetes ernst zu nehmen.
Nicht panisch, nicht verbissen, nicht mit Selbst-Beschimpfung oder Selbst-Vorwürfen.Sondern mit guter Begleitung, mit Ernährung, die in Ihr Leben passt, mit Bewegung, die nicht gleich nach Militärtraining riecht und mit Medikamenten, wenn sie sinnvoll sind.
Vor allem aber mit realistischen Zielen.
Warum ist die erste Zeit nach der Diabetes-Diagnose so wichtig?
Beim Typ-2-Diabetes gibt es so etwas wie ein frühes Zeitfenster: Wenn die Diagnose frisch ist, kann man oft noch sehr viel verändern. Die Bauchspeicheldrüse ist meist noch nicht völlig erschöpft. Die Insulinresistenz kann sich verbessern. Leberfett kann zurückgehen. Blutdruck, Blutfette und Entzündungswerte können besser werden.
Und ja: Manchmal kann ein Diabetes in "Remission" gehen. Das heißt: Die Zuckerwerte liegen ohne Diabetesmedikamente wieder unterhalb der Diabetesgrenze. Aber auch wenn keine Remission erreicht wird: jede Verbesserung zählt!
5 % Gewichtsabnahme können schon helfen. Es gibt Studien, die das belegen!
10 % können viel bewirken.
15 % sind für manche ein sehr guter Bereich – aber nicht für alle das einzig richtige Ziel.
Die Zuckertante sagt: Lieber ein erreichbares Ziel, das Sie wirklich durchhalten, als ein heldenhaftes Ziel, das Sie nach drei Wochen erschöpft in die Ecke werfen.
4. Fettleber, Glukagon und Typ-2-Diabetes: Es ist nicht nur Insulin
Die vierte Studie kommt aus Deutschland, vom DDZ, dem Deutschen Diabetes-Zentrum.
Sie beschäftigt sich mit einem Hormon, das ein "Gegenspieler" des Insulins ist: Glukagon.
Fast alle Menschen mit Diabetes kennen Insulin. Insulin senkt den Blutzucker. Glukagon macht im Prinzip das Gegenteil: Es sorgt dafür, dass die Leber Zucker ins Blut abgibt.
Das ist nicht schlecht. Im Gegenteil. Ohne Glukagon hätten wir zwischen den Mahlzeiten oder in der Nacht ein Problem. Der Körper braucht ja auch Zucker, wenn gerade nichts gegessen wird.
Bei Menschen ohne Diabetes sind Insulin und Glukagon fein aufeinander abgestimmt. Nach dem Essen steigt Insulin, und Glukagon wird gebremst. Wenn man länger nichts isst, darf Glukagon der Leber sagen: „Bitte etwas Zucker freigeben.“
So sollte es sein und so ist es bei Gesunden.
Was zeigt die neue Studie?
Die Forschenden untersuchten 50 Erwachsene mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes und 50 Erwachsene mit normalem Zuckerstoffwechsel. Die Daten stammen aus der Deutschen Diabetes Studie.
Das Ergebnis:
Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes hatten nach einer Mahlzeit rund 75 % höhere Glukagonspiegel als Menschen ohne Typ-2-Diabetes. Besonders interessant: Dieser Anstieg hing eng mit dem Fettgehalt der Leber zusammen – stärker als mit anderen klassischen Erklärungen.
Die Forschenden sprechen von einer möglichen hepatischen Glukagonresistenz (=„Glukagon-Resistenz der Leber“)
Das klingt kompliziert, bedeutet aber ungefähr: Die Leber reagiert möglicherweise schlechter auf Glukagon. Der Körper schüttet dann mehr davon aus. Und dadurch kann das fein abgestimmte System zwischen Insulin, Glukagon und Leberzucker durcheinanderkommen.
Das ist ein wichtiges Studien-Ergebnis. Es führt zu weiteren Fragen, zu weiteren Ideen für Untersuchungen, Studien und vielleicht zu ganz neuen Ansätzen in der Behandlung der Fettleber.
Warum ist die Fettleber so wichtig?
Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes haben zusätzlich eine Fettleber – heute häufig MASLD genannt, das ist eine Abkürzung für "metabolisch dysfunktionsassoziierte steatotische Lebererkrankung".
Eine Fettleber spürt man nicht. Sie klopft nicht höflich an und sagt: „Entschuldigung, ich störe gerade Ihren Stoffwechsel.“ Sie ist einfach da. Und sie kann den Zuckerstoffwechsel, die Blutfette und Entzündungsprozesse beeinflussen.
Das heißt für Sie ganz praktisch
Bei Typ-2-Diabetes lohnt sich der Blick auf die Leber.
Leberwerte ab und zu bestimmen lassen, Ultraschall machen lassen, wenn sinnvoll. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin wird auf Ihre Gewichtsentwicklung achten, nach Ihrer Bewegung fragen, nach Ihrem Alkoholkonsum und Ihre Medikamenten-Liste im Auge behalten. Denn das alles hängt zusammen - mit der Leber als ganz wichtigem "Steuerungs-Organ".
Die gute Nachricht: Eine Fettleber kann sich bessern. Nicht immer sofort, nicht immer perfekt, aber recht häufig gibt es eine deutliche Verbesserung.
Gewichtsabnahme, regelmäßige Bewegung und bessere Zuckerwerte können der Leber helfen.
Was nehme ich aus diesen Studien mit?
Wenn ich diese vier Arbeiten lese, sehe ich einen klaren Trend.
Die Diabetesmedizin entfernt sich immer mehr vom reinen Blutzuckerdenken.Früher war die Frage oft nur:
Wie hoch ist der Zucker?
Heute fragen wir zusätzlich:
Wie geht es dem Herzen, den Neren, der Leber? Wie geht es mit dem Gewicht? Wie stark belastet der Diabetes den Alltag?
Versteht der betroffene Mensch überhaupt, was sein Zucker macht?
Gibt es Therapien, die nicht nur Laborwerte verbessern sondern das Leben leichter machten?
All das gefällt mir, ich finde diese Entwicklung schön und richtig. Denn Diabetes besteht nicht aus Zahlen, Ihr Diabetes besteht aus Frühstück, Müdigkeit, Stress, Familienfeiern, Arztterminen, Medikamenten, Spaziergängen, schlechten Tagen und guten Tagen.
„Heute war’s mir zu viel“- „Morgen fang ich wieder an“- „Warum ist der Zucker schon wieder hoch, ich hab doch gar nichts gemacht?“
Deshalb brauchen wir Forschung, die nicht nur das HbA1c anschaut, sondern den ganzen Menschen.
CagriSema zeigt: Neue Medikamente werden stärker und greifen an mehreren Stoffwechselstellen an.
Die CONNECT-Studie zeigt: Sensoren können auch Menschen ohne Insulin helfen, den eigenen Diabetes besser zu verstehen.
Die britische Gewichtsstudie zeigt: Früh nach der Diagnose kann man viel gewinnen – aber bitte ohne Schuldgefühle.
Die Fettleber-Studie zeigt: Typ-2-Diabetes ist nicht nur ein "Problem mit dem Insulin." Die Leber und Glukagon spielen kräftig mit.
Es tut sich viel. Nicht alles ist morgen in der Praxis verfügbar. Nicht alles passt für jede Person. Aber die Richtung stimmt:
Wir schauen immer weniger auf „den Diabetiker“ und immer mehr auf den Menschen mit Diabetes, damit ein gutes Leben mit Typ-2-Diabetes immer besser möglich wird.
Zum Weiterlesen
(Alle Links am 3.6.2026 abgerufen)
CagriSema / REIMAGINE-Studien
Deutsches Ärzteblatt (Zusammenfassung mit LInks)
Originalarbeiten
REIMAGINE 1
The Lancet Diabetes & EndocrinologEfficacy and safety of once-weekly cagrilintide–semaglutide (CagriSema) in adults with type 2 diabetes inadequately controlled on diet and exercise (REIMAGINE 1): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3a study - The Lancet Diabetes & Endocrinology
REIMAGINE 2
The Lancet Diabetes & Endocrinology
REIMAGINE 3
The Lancet
Beyond insulin escalation: REIMAGINE 3 and advanced type 2 diabetes care - The Lancet
CONNECT-Studie (CGM ohne Insulin)
ADA-Pressemitteilung
Präsentation Dexcom:
DexCom, Inc. - Dexcom CONNECT Study: The Most Significant Clinical Study Demonstrating CGM Benefits for People with Type 2 Diabetes Not Using Insulin
Frühe Gewichtsabnahme
Originalarbeit Diabetes Care
https://diabetesjournals.org/care/article/doi/10.2337/dc26-0937
Fettleber und Glukagon
Originalarbeit Diabetes Care
https://diabetesjournals.org/care/article/doi/10.2337/dc25-3077
Deutsches Diabetes-Zentrum (sehr gute Zusammenfassung)
Deutsches Ärzteblatt

Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!