Erfahrung oder Evidenz? Wie gute medizinische Entscheidungen wirklich entstehen
„Frau Doktor, was sagt denn Ihre Erfahrung?“
Diese Frage höre ich in meiner Praxis immer wieder. Und sie klingt zunächst sehr vernünftig. Schließlich wünschen wir uns doch eine Ärztin oder einen Arzt mit viel Erfahrung.
Aber wussten Sie, dass persönliche Erfahrung in der modernen Medizin eine deutlich kleinere Rolle spielt, als viele Menschen glauben?
Dazu gibt es auch eine Podcast-Folge zum Zuhören:
Wie medizinische Entscheidungen bei Typ-2-Diabetes wirklich entstehen
„Frau Doktor, was sagt denn Ihre Erfahrung?“
Diese Frage begegnet mir regelmäßig – und sie wirkt zunächst absolut plausibel.
Schließlich ist ärztliche Tätigkeit über Jahrzehnte hinweg geprägt von Begegnungen, Verläufen, Erfolgen und Misserfolgen.
Wenn jemand seit Jahrzehnten als Ärztin arbeitet, viele hundert, vielleicht tausende Menschen mit Diabetes begleitet hat – dann möchte man doch glauben, dass genau diese Erfahrung den Ausschlag gibt.
Tut sie aber erstaunlich wenig. Und das hat gute Gründe.
Die trügerische Sicherheit der Erfahrung
Ich arbeite seit über 25 Jahren mit Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Ich habe in großen Ambulanzen gearbeitet, in der Kassenpraxis, in der Reha – und begleite heute viele Menschen auch online.
Ich habe sehr viel gesehen.
Und genau deshalb weiß ich:
Erfahrung ist ein schlechter Ratgeber, wenn es um Therapieentscheidungen geht.
Warum?
Weil Erfahrung immer selektiv ist.
Wir erinnern uns nicht an „durchschnittliche“ Verläufe.
Wir erinnern uns an besonders schwierige Fälle, besonders tragische Verläufe und natürlich an besonders spektakuläre Erfolge. Gerade an Erfolge – ich freu mich so gerne gemeinsam mit meinen Patienten!
Das ist menschlich – aber es ist auch problematisch.
Denn: Diese Erinnerungen sind emotional gefärbt. Sie sind subjektiv. Und sie sind nicht repräsentativ.
Wenn ich mich bei einer Therapieentscheidung auf meine persönliche Erfahrung verlassen würde, würde ich mich auf eine verzerrte Auswahl von Einzelfällen stützen.
Diese Phänomen ist gut bekannt: Man nennt es Recall Bias und Availability Bias, sie prägen ärztliche Erinnerung erheblich.
Und genau das wollen wir in der modernen Medizin vermeiden.
Sie als Patient, als Patientin möchten das für Sie am besten passende Medikament empfohlen bekommen – nicht das, das ich als Ärztin gerade besonders gerne „mag“!
Was stattdessen zählt: Evidenz
Die Alternative zur Erfahrung ist nicht „Theorie“.
Es ist systematisch gewonnene Evidenz. Das bedeutet: Wissen, was wirkt. Wir reden hier von gesichertem Wissen, Wissen, das bewiesen ist und das dem heutigen Stand der Wissenschaft entspricht.
Also:
- klinische Studien
- sorgfältig geplante Vergleichsuntersuchungen
- statistisch ausgewertete Daten aus großen Patientengruppen
Der organisatorische Aufwand ist enorm – von standardisierten Blutabnahmen bis hin zu zentralisierten Laborauswertungen unter streng kontrollierten Bedingungen.
Warum dieser Aufwand? Um eine zentrale Frage zu beantworten:
Was wirkt – unabhängig von individueller Wahrnehmung?
Erst durch große Fallzahlen und Vergleichbarkeit entsteht eine belastbare Aussage über: Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Langzeiteffekte (zum Beispiel: wie oft treten Herzinfarkte oder Schlaganfälle auf – mit und ohne dem Medikament).
Ziel ist immer dasselbe:
herauszufinden, was im Durchschnitt wirklich wirkt.
Nicht bei einem einzelnen Menschen.
Sondern bei vielen.
Von Studien zu Leitlinien
Die meisten Ärztinnen und Ärzte lesen nicht jede einzelne Studie im Detail – das wäre schlicht unmöglich.
Deshalb gibt es Leitlinien.
Leitlinien sind die „Übersetzung“ von Wissenschaft in Praxis.
Sie werden von Expertengremien erstellt, von den besten Spezialisten und Wissenschaftlern, die:
- viele Studien auswerten
- Ergebnisse vergleichen
- und daraus konkrete Empfehlungen ableiten
Zum Beispiel:
- Welche Therapie ist beim neu diagnostizierten Typ-2-Diabetes sinnvoll?
- Wann reicht ein Medikament nicht mehr aus?
- Welche Kombination ist bei bestimmten Begleiterkrankungen besonders vorteilhaft?
Leitlinien geben uns einen wissenschaftlich abgesicherten Rahmen.
Und dieser Rahmen ist die Basis jeder seriösen medizinischen Empfehlung.
Leitlinien beantworten nicht nur die Frage „Was wirkt wirklich?“, sondern auch:
- Bei wem wirkt es besonders gut?
- In welcher Reihenfolge?
- Unter welchen Begleitbedingungen?
Sie schaffen damit einen Rahmen, ein Wissen, das individuelle Beliebigkeit ersetzt.
Beispiele im Diabetesbereich:
ADA (American Diabetes Association): https://professional.diabetes.org/standards-of-care
DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft): https://www.ddg.info/behandlung-leitlinien/leitlinien-praxisempfehlungen
ÖDG (Österreichische Diabetes Gesellschaft): Österreichische Diabetes Gesellschaft - ÖDG LEITLINIEN
Und wo bleibt die Ärztin?
Wenn alles so klar ist – braucht es dann überhaupt noch ärztliche Erfahrung?
Doch. Aber anders, als viele denken.
Meine Aufgabe ist nicht:
„aus Erfahrung das beste Medikament zu erraten“
Sondern:
Gesichertes Wissen auf den einzelnen Menschen anzuwenden
Das bedeutet:
- Ich kenne die Leitlinien
- ich weiß, was Studien zeigen
- und ich versuche, dieses Wissen mit der individuellen Situation zu verbinden
Denn kein Mensch ist „Durchschnitt“.
Ich muss berücksichtigen:
- Begleiterkrankungen
- Lebensstil
- Tagesrhythmus
- berufliche Situation
- persönliche Prioritäten
Das ist der Punkt, an dem ärztliche Kompetenz ins Spiel kommt.
Nicht als Ersatz für Evidenz – sondern als deren Anwendung.
Meine Empfehlungen sind kein „Bauchgefühl“, sondern eine überlegte klinische Entscheidung.
Der dritte Faktor: die Entscheidung des Patienten
Und dann gibt es noch einen dritten, entscheidenden Aspekt:
die Präferenzen des Patienten, also die „Vorlieben“ – da geht es darum: was möchten Menschen haben, was lehnen sie ab.
Selbst die beste evidenzbasierte Empfehlung bleibt eine Empfehlung.
Wenn ein Mensch sagt:
„Das möchte ich nicht nehmen“
Dann wird er es nicht nehmen. So einfach ist das.
Das haben wir Ärzte immer zu respektieren, und das fällt mir auch sehr leicht: denn ich kann ja ohnehin nicht „daneben stehen“ und kontrollieren, ob jemand seine Medikamente nimmt oder nicht – das ist IMMER die Entscheidung der Patienten und Patientinnen, von Tag zu Tag.
Wichtig ist auch: ich bin nie „enttäuscht“ oder „böse“, wenn jemand sich dafür entscheidet, meinen Empfehlungen nicht zu folgen.
Die Entscheidung liegt eben immer beim Patienten.
In der Praxis bedeutet das oft: wiederholte Gespräche, Entscheidungen vielleicht erst zu einem späteren Zeitpunkt, Kompromisslösungen
Und manchmal auch die bewusste Nicht-Umsetzung einer optimalen Therapie.
Zwischen Aufklärung und Selbst-Bestimmtheit
Hier entsteht oft ein Spannungsfeld:
- Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, die wirksamste Therapie zu empfehlen!
- Wir wollen ja auch helfen, wir wollen die wirksamste Therapie empfehlen!
- Patientinnen und Patienten haben das Recht, diese abzulehnen.
Beides gilt gleichzeitig. Meine Aufgabe ist es daher, möglichst verständlich zu erklären, was ich empfehle; klar zu machen, warum ich es empfehle und natürlich auch auf Nutzen und Risiken hinzuweisen.
Der wichtigste Grundsatz ist aber immer: die Entscheidung des Patienten oder der Patientin ist zu respektieren. Wenn er oder sie meine Empfehlung ablehnt, dann empfehle ich im nächsten Schritt eben das zweitbeste Medikament.
Gute Medizin ist Zusammenarbeit
Die besten Gespräche entstehen dort, wo beides möglich ist: klare, evidenzbasierte Information und echte Entscheidungsfreiheit
Ich sage meinen Patientinnen und Patienten oft:
„Ich merke, Sie möchten das Medikament nicht nehmen.
Bitte hören Sie mir trotzdem zu – ich erkläre Ihnen, was wir aus der Wissenschaft wissen und warum wir es empfehlen. Sie entscheiden, was für Sie passt. Und wenn Sie es nicht nehmen möchten, ist das in Ordnung – aber erst, nachdem wir darüber gesprochen haben.
Ich verspreche Ihnen: ich erkläre Ihnen meine Empfehlung ganz genau, und wenn Sie ablehnen, mach ich mir einen Vermerk in der Kartei, dass ich Sie damit die nächsten Male nicht mehr nerve, sondern erst nach einem Jahr – dann werde ich Sie noch einmal darauf ansprechen, denn vielleicht hat sich bis dahin etwas geändert. Es kann sein, dass es neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt oder dass sich bei Ihnen etwas geändert hat.“
Dass sich auch Empfehlungen immer wieder ändern, das ist keine Schwäche der Medizin. Das ist ihre Stärke.
Drei Säulen guter Entscheidungen
Medizinische Entscheidungen – gerade bei chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes – beruhen auf drei Säulen:
Evidenz
Was zeigen Studien und Leitlinien?
ärztliche Kompetenz
Wie wird dieses Wissen auf die individuelle Situation des Patienten, der Patientin angewendet?
Die Entscheidung des Patienten, der Patientin
Was möchte der Mensch selbst?
Meine persönliche Erfahrung spielt dabei eine überraschend kleine Rolle.
Und das ist gut so. Denn:
Gute Medizin sollte nicht davon abhängen, woran ich mich als Ärztin gerade erinnere – sondern davon, was verlässlich nachgewiesen ist.

Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!