Gute Zuckerwerte – weniger Insulin? - Zuckertante.at

Gute Zuckerwerte – weniger Insulin?

„Meine Zuckerwerte sind jetzt richtig schön. Kann ich nicht ein bisserl weniger Insulin spritzen?“

Diese Frage bekomme ich immer wieder. Wer möchte schon mehr Medikamente nehmen, als der eigene Körper braucht? Zugleich kann eine Veränderung Angst machen. Was, wenn die Werte plötzlich wieder steigen?

Meine Antwort ist ein Zuckertanten-„Njein“: Bei Typ-2-Diabetes kann weniger Insulin manchmal gut passen. Aber gute Werte allein sind noch keine Antwort. Schauen wir uns gemeinsam an, worauf es wirklich ankommt.

Jede behutsame Veränderung der Insulindosis ist dabei eine Frage an Ihren Körper: „Geht’s mit ein bisserl weniger auch?“ Die Zuckerwerte liefern die Antwort.

Möchten Sie lieber zuhören?

In Podcast-Folge 101 „Insulin selbst reduzieren?“ spreche ich ausführlich über diese Frage. Vielleicht passt die Folge ja zu Ihrem nächsten Spaziergang?

Gute Werte – aber warum sind sie gut?

Stellen Sie sich vor, jemand beginnt nach einer schweren Blutzuckerentgleisung mit Insulin. Ein Jahr später sind die Werte hervorragend. Vielleicht haben sich inzwischen auch Essen, Bewegung oder andere Lebensumstände verändert. Was sagen uns diese schönen Werte nun?

Zunächst einmal: Die Behandlung funktioniert. Das ist erfreulich! Aber aus den Werten allein lässt sich nicht ablesen, ob genau diese Insulinmenge nötig ist. Das kann ja sein – vielleicht ist sie jetzt genau richtig. Vielleicht kann der Körper aber wieder mehr eigenes Insulin produzieren oder kommt aus anderen Gründen mit weniger gespritztem Insulin aus. Beides ist möglich! Und wir wissen noch nicht, was stimmt.

Und noch etwas ist wichtig: „Ich hatte keine Unterzuckerung“ ist kein sicherer Beweis dafür, dass die Dosis ideal ist. Deshalb schaue ich lieber genauer hin, bevor ich eine Empfehlung gebe.

Die erste Frage: Welche Diabetesform liegt vor?

Diabetes, der erst im Erwachsenenalter entdeckt wird, ist nicht automatisch Typ-2-Diabetes. Auch ein Typ-1-Diabetes kann im Erwachsenenalter beginnen und sich zunächst langsam entwickeln. Oder es handelt sich um LADA – eine langsam verlaufende autoimmune Diabetesform bei Erwachsenen. Anfangs reichen manchmal noch Tabletten, im Verlauf wird aber oft Insulin nötig. Dabei höre ich häufig, dass sich Betroffene mit der Insulintherapie sogar deutlich besser fühlen.

Das ist keine Wortklauberei. Bei Typ-1-Diabetes braucht der Körper Insulin von außen. Es einfach wegzulassen, kann gefährlich werden. Wenn die Diagnose oder der Verlauf Fragen aufwirft, gehört die Diabetesform deshalb noch einmal sorgfältig geprüft. Ärztinnen und Ärzte können dafür zum Beispiel bestimmte Autoantikörper untersuchen – das sind Hinweise auf einen Angriff des Immunsystems auf die insulinbildenden Zellen. Der C-Peptid-Wert kann zusätzlich helfen einzuschätzen, wie viel eigenes Insulin noch gebildet wird. Solche Werte muss man immer zusammen mit der übrigen Geschichte und den Blutzuckerwerten beurteilen.

Erst wenn die Ausgangslage klar ist, lässt sich sinnvoll über weniger Insulin sprechen.

Wann kann bei Typ-2-Diabetes weniger Insulin passen?

Der Insulinbedarf bleibt nicht für immer gleich. Vielleicht bewegen Sie sich inzwischen anders als früher. Vielleicht haben Sie Gewicht abgenommen. Vielleicht hat sich Ihre Ernährung verändert. Vielleicht ist ein großer Stressfaktor weggefallen. Auch andere Medikamente können eine Rolle spielen.

Bei Typ-2-Diabetes kann das ein guter Anlass sein, die Behandlung neu anzusehen. Besonders aufmerksam werde ich, wenn die Werte gelegentlich ungewohnt tief sind oder Unterzuckerungen auftreten. Aber auch ohne solche Episoden darf man fragen: Passt meine Behandlung heute noch zu meinem Leben?

Das Ziel ist dabei nicht, um jeden Preis möglichst wenig oder gar kein Insulin zu spritzen. Das Ziel sind Werte, die für Sie gut und sicher sind – möglichst ohne Unterzuckerungen und ohne unnötig belastende Therapie.

Eine Anpassung braucht einen Plan

Wenn eine geringere Insulinmenge infrage kommt, wird sie nicht nach einem fixen „Kochrezept“ festgelegt. Entscheidend sind unter anderem Ihre Diabetesform, die Art des Insulins, Ihre bisherigen Messwerte, andere Medikamente und Ihre persönlichen Zielwerte.

Sie können mit Ihrem Diabetes-Arzt oder Ihrer Diabetes-Ärztin besprechen:

  • Welche Werte beobachten Sie, und wie oft messen Sie?
  • Woran erkennen Sie eine Unterzuckerung, und was tun Sie dann?

Manche Menschen haben bereits in einer Diabetesschulung gelernt, ihre Insulindosis innerhalb eines gemeinsam vereinbarten Plans selbst anzupassen. Das ist etwas anderes, als allein aufgrund eines einzelnen guten Wertes etwas wegzulassen. Wissen und Selbstständigkeit gehören zusammen – und ein guter Plan macht beides sicherer.

Ein mögliches Vorgehen ist: Es muss ganz klar sein, dass niemand vorab weiß, ob es „mit weniger Insulin auch geht“. Bei durchgehend guten Werten kann sich ein Versuch lohnen. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin wird Ihnen vielleicht empfehlen, zunächst ein oder zwei Einheiten weniger zu spritzen – je nach Ihrer Behandlung. Das ist ein Beispiel für einen individuell vereinbarten Schritt, keine allgemeine Dosierungsregel. Eine „Garantie“, dass er gut funktionieren wird, gibt es nicht.

Man weiß eben nie im Voraus, wie Ihr Körper reagieren wird. Man kann ihn nur „fragen“: mit dem gemeinsam vereinbarten Schritt weniger Insulin geben und schauen, wie die Zuckerwerte reagieren. „Kommst du auch mit ein bisserl weniger zurecht?“ Diese Frage können Sie in Gedanken auch Ihrer Bauchspeicheldrüse stellen.

Helfen Sie in den ersten Tagen mit weniger Insulin bewusst mit: Wählen Sie für einen vereinbarten Versuch möglichst ruhige, vorhersehbare Tage. Ein Abend mit großer Einladung und ungewohntem Essen ist dafür weniger geeignet als Tage, an denen Sie Ihre gewohnte Ernährung und Bewegung beibehalten können.

Und dann beobachten Sie Ihre Werte. Wenn sie sich nicht ändern: fein! Ihr Arzt oder Ihre Ärztin wird sich mit Ihnen freuen – und vielleicht später den nächsten kleinen Schritt empfehlen. Das ist wieder eine „Frage“ an Ihre Bauchspeicheldrüse: „Und jetzt? Kommst du noch gut zurecht?“ So kann es Schritt für Schritt weitergehen – immer nach dem gemeinsam vereinbarten Plan.

Es kann aber auch sein, dass nach einer Reduktion der Dosis die Zuckerwerte ansteigen. Der Nüchternzucker wird höher, die Werte nach dem Essen kommen nicht so schnell wie gewohnt in den Zielbereich zurück. Das kann ein Signal Ihres Körpers sein: „Das ist mir jetzt wirklich zu wenig!“ Dann besprechen Sie, ob die zuvor passende Dosis wieder nötig ist.

Bitte seien Sie dann nicht traurig – Ihr Körper zeigt Ihnen, wie viel Insulin er derzeit braucht. Das ist wertvolles Wissen. Wenn Ihre Werte im Zielbereich bleiben und sich später wieder etwas verändert, können Sie bei einem nächsten Termin erneut über einen Versuch sprechen. Vielleicht ergibt sich nach einer Blutabnahme mit einem HbA1c in Ihrem persönlichen Zielbereich ein guter Anlass dazu.

Die Behandlung des Diabetes ist nicht „für immer und ewig“ festgeschrieben. Die Bedürfnisse Ihres Körpers können sich mit der Zeit ändern; manchmal werden Anpassungen nötig. Wir verändern uns dauernd – und unser Stoffwechsel mit uns!

Ich habe zum Beispiel erlebt, dass nach einer Pensionierung die Werte so gut wurden, dass später weniger oder sogar kein Insulin mehr nötig war. Ein großer Stressfaktor war weggefallen, und die frischgebackenen Pensionistinnen und Pensionisten konnten ihren Alltag anders gestalten. Das ist eine Möglichkeit – kein Versprechen für alle.

Weniger ist kein Wettbewerb

Ich wünsche mir, dass Sie Ihre Behandlung verstehen und mitgestalten können. Sie müssen nicht einfach nur „brav“ bei einer Dosis bleiben, die vor langer Zeit festgelegt wurde. Sie müssen aber auch niemandem beweisen, dass Sie ohne Insulin auskommen.

Manchmal ist weniger möglich. Manchmal ist genau die bisherige Menge richtig. Und manchmal braucht es später sogar wieder mehr. Diabetes und das Leben verändern sich – die Behandlung darf sich mitverändern.

Fragen Sie also ruhig beim nächsten Termin: „Passen meine Insulindosis und meine Zielwerte noch zu mir?“ Das ist eine sehr gute Frage. Und vielleicht lautet die Antwort tatsächlich: „Darf’s ein bisserl weniger sein?“

Gruß der Zuckertante: allzeit gute Werte
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