Diabetes + Corona: meine Erfahrungen - Zuckertante.at

Diabetes + Corona: meine Erfahrungen

Diabetes und Corona

So, nach nun schon 4 eher allgemeinen Artikeln zu Corona erzähle ich nun noch über meine persönlichen Erfahrungen mit der Kombination Corona + Diabetes.

Denn auch wenn nun die Vorschriften gelockert wurden: es ist noch nicht vorbei. Wir sind mitten in der Pandemie, der Welt-weiten Krankheitswelle, und es kann leider sein, dass wieder mehr Menschen sich anstecken und krank werden.

Das wird nun KEIN wissenschaftlich fundierter Artikel, es wird KEINE Studie, sondern hier geht’s um die Erlebnisse und Erfahrungen einer Allgemeinmedizinerin mit dem Thema Diabetes + Corona.

Deshalb: alles was Sie hier lesen, sind meine persönliche Erfahrungen, 

Sie dürfen daraus KEINE Empfehlungen zur Behandlung usw. ableiten! 

Sie dürfen immer nur von einem Arzt behandelt werden, der Sie als Patient persönlich kennt!

Zu Ihrer Sicherheit - das musste gesagt werden. Jetzt geht’s los:
Wichtig ist zuerst einmal zu unterschieden:

3 GRUPPEN BETROFFENER

1. Corona + Diabetes:  das erhöhte Risiko bei Diabetikern
2. Corona + Diabetes: die Krankheit bei Menschen, die davor noch KEINEN Diabetes hatten
3. Corona + Diabetes: die Krankheit bei Diabetikern, also bei Menschen, die schon davor an Diabetes erkrankt waren

Zu 2. und 3. hab ich schon Patienten-Geschichten zu erzählen!

1. Corona + Diabetes: erhöhtes Risiko bei Diabetikern

Ansteckung:
Dass Diabetiker ein erhöhtes Risiko haben, ist mittlerweile ganz sicher.
Leider unterschieden die meisten Studien bis jetzt nicht zwischen Typ 1 und Typ 2 Diabetes, und nur sehr wenige zwischen Diabetikern mit gutem und solchen mit schlechterem HbA1c.
Was wir wissen:
Typ 1 Diabetiker: immer wieder kann man lesen, dass gut eingestellte Typ 1 Diabetiker KEIN erhöhtes Risiko haben, sich mit dem Corona Virus anzustecken – sie haben nur das ganz normale Risiko wie jeder andere auch.
Achtung, das gilt nur mit Zuckerwerten im Normbereich oder nahe beim Normbereich!
Erhöhte Blutzucker-Werte bewirken Störungen im Immunsystem, und Typ 1 Diabetiker mit nicht sehr guter Einstellung haben leider ein erhöhtes Risiko sich anzustecken.
Typ 2 Diabetiker: auch hier gilt: je höher das HbA1c umso höher das Risiko sich anzustecken. Dazu kommen dann noch Risiken von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Herzkrankheiten usw.

Daher: Egal ob Typ 1 oder Typ 2 Diabetes: 

Unbedingt weiter aufpassen!
Abstand einhalten.
Masken tragen.
 

Achtung in geschlossenen Räumen: 
je länger man mit einem Menschen, der das Virus ausscheidet, in einem Raum beisammen ist,
je kleiner dieser Raum ist,
je weniger gelüftet wird: Desto höher ist das Ansteckungs-Risiko!
Sie wissen ja: auch 2 -3 Tage BEVOR jemand krank wir, scheidet er oder sie schon Viren aus, ohne es zu wissen.

Hände waschen! Nicht schlampig werden!
Beim Heimkommen, nach dem Auspacken und Wegräumen der Einkäufe, vor dem Kochen, vor dem Essen, nach dem Toilettengang.
Hände mit Seife waschen, es soll schön schäumen und Sie lassen sich 30 Sekunden Zeit
.

2. Corona + Diabetes: bei Menschen, die davor noch KEINEN Diabetes hatten

Vorher gesunde Menschen ohne Diabetes - manche haben nach einer schweren COVID Erkrankung einen insulinpflichtigen Diabetes als "Andenken" - sehr selten, gibts aber. Nicht lustig.

Meine Erfahrung:
Eine Dame, die wegen Corona-Erkrankung 2 Wochen im Spital war, einige Tage lang Sauerstoff bekommen hat, aber nicht beatmet wurde: Die Zuckerwerte schnellten in die Höhe, die Bauchspeicheldrüsen-Werte seien auch erhöht gewesen, wie bei einer Pankreatitis, einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse. 
Sie hat im Spital Insulin zuerst über Infusion bekommen, dann mit Insulin-Pen.
Sie erzählt, dass eine sehr nette Diabetes-Beraterin ihr das Spritzen sehr genau gezeigt hat, und sie wurde mit einem guten Spritz-Plan nach Hause entlassen.
Im Arztbrief stand: „Insulintherapie gegebenenfalls anpassen“.
Kaum war sie zuhause, haben die Zuckerwerte „gesponnen“:  rauf – runter – rauf – rauf … und sie konnte ihren Hausarzt nicht erreichen, außerdem stand das Wochenende vor der Türe und sie war völlig alleine mit ihren Zucker-Problemen und noch sehr geschwächt, sie sagte, sie könnte sich gar nicht vorstellen irgendwo hinzufahren außer mit der Rettung.
Sie hat mich im Internet gefunden und hat sich bei mir gemeldet.
Sie war entsprechend verschreckt und verwirrt wegen des Diabetes.
Diese Dame wohnt nicht in Österreich, das hats noch schwieriger gemacht, aber ich hab mich dann doch drauf eingelassen und hatte mit ihr 3 bis 4mal täglich Kontakt, über Video-Ordination und telefonisch.
Gleichzeitig habe ich recherchiert, wo in ihrer Nähe eine gute Diabetes-Betreuung zu finden ist – sie wohnt in einer kleinen mir bisher unbekannten Stadt - danke an die Mitglieder der Facebook-Gruppe, die mir da geholfen haben!
Sie ist nun in einer guten Diabetes-Ordination, aber wir sind weiterhin in Kontakt und ich freue mich, dass es ihr langsam besser geht.
Ob sie auf Dauer Insulin brauchen wird?
Im Moment schaut es so aus, aber wir wissen es nicht – abwarten. Und immer, wenn die Werte einige Tage lang sehr gut sind, versuchen, ganz leicht Insulin zu reduzieren – wieder ein paar Tage warten – wieder versuchen mit weniger auszukommen, ohne dass es zu wenig wird – was man ja gleich merken würde, an steigenden Werten. Und schauen, wohin uns das führt.

3. Corona + Diabetes: bei Diabetikern, 

also bei Menschen, die schon davor an Diabetes erkrankt waren.

Typ 2 Diabetiker

haben manchmal nach einer schwereren Erkrankung an COVID deutlich höhere BZ-Werte (wie das nach jeder schwereren Krankheit sein kann). Sie sind meist noch sehr schwach und brauchen eine bessere/neue Diabetes-Einstellung.
Meine Erfahrung: Das geht sehr gut über Video!

Meine Erfahrung: Bei einem Typ 2 Diabetiker, den ich noch nicht kannte, hab´ ich kurz nach seiner Entlassung aus dem Spital einmal einen Hausbesuch gemacht, seither haben wir 2 - 3mal pro Woche über Video Kontakt. Das ist eine super Kombination. Er hatte davor kein Insulin, sondern eine 3er Kombination Tabletten. Damit ging es nicht mehr. Wir haben mit Insulin 1x abends angefangen und sind nun bei Langzeit-Insulin und Insulin zum größten Essen. Er isst fast immer nur einmal am Tag eine große Portion, und im Moment geht das sehr gut so. 
Ob er auf Dauer Insulin brauchen wird? 
Das weiß ich nicht. Im Moment fängt er ganz vorsichtig an, etwas Bewegung zu machen, ist aber noch sehr geschwächt. Er hat im Spital 6 kg abgenommen, war davor schon eher schlank und möchte 3 -4 kg zunehmen - da ist die Insulin-Therapie jetzt sicher das Richtige. 

Typ 1 Diabetiker: 

Wie bei jedem Virus-Infekt kann der Blutzucker recht flott stark ansteigen. Das ist natürlich besonders unangenehm, wenn die Werte schon vorher erhöht waren.

Typ 1 Diabetiker mit schon davor (viel) zu hohen BZ-Werten:

Meine Erfahrung:
ich habe Kontakt mit 2 Typ 1 Diabetikern, die eine eher schlechte Diabetes-Einstellung hatten: 

Sie waren an Corona erkrankt, mit Husten, Fieber, einer mit Durchfall, eine konnte nichts mehr riechen oder schmecken – typische Corona Verläufe.
Beide waren zuhause, ca. 10 Tage mit Fieber, Müdigkeit, Schwäche, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, aber nicht schwer krank.
Bei beiden ist der BZ rasant angestiegen, und als die Messgeräte einige Male meinten „Zucker zu hoch, kann ich nicht mehr messen“ haben sie Angst bekommen. 
Beide kannten mich von vor vielen Jahren aus meiner Ambulanz-Zeit am Krankenhaus Hietzing bzw. am Wienerberg. Sie  hatten sonst keine Betreuung, haben sich gemeldet und wir mussten natürlich als erstes sicherstellen, dass sie keine ketoazidotische ( schwere) Stoffwechsel-Entgleisung haben. 
Einer hatte wenigstens Keton-Harnstreifen zuhause, die andere ein Messgerät, zu dem es auch Keton-Mess-Streifen gibt. Die wurden schnell besorgt, die Werte waren ok, also konnte man durchaus zuhaue an der Einstellungen „schrauben“. 
Ich habe aber auf 2 Tests pro Tag bestanden, und sie mussten mir die Fotos schicken, von den Harnstreifen bzw. vom Display des Messgerätes – denn da darf man einfach nichts riskieren.
Beide haben gut um die Hälfte mehr Insulin gebraucht während der Krankheit!
Wir haben das gut hinbekommen, nun sind beide wieder gesund und nun können wir erst eine Neu-Einstellung beginnen. 
Ich nerve beide dauernd damit, dass ich ihnen empfehle, auf eine Insulin-Pumpe umzusteigen – einer hat schon einen Termin in der Pumpen-Ambulanz vereinbart, das freut mich!

Typ 1 Diabetiker mit davor guter bis sehr guter Diabetes-Einstellung

ACHTUNG, wie bei jeder Krankheit kann der Blutzucker ansteigen, dann schnell mit Basalrate und Bolus-Insulin reagieren!
Diabetiker mit guter Insulin-Einstellung, die sich gut auskenne, können sich da meist selbst gut helfen.

Es gibt aber auch die Kombination eigentlich gute Diabetes-Einstellung, aber wenig Wissen darüber. Da wird es schwieriger. Ich habe da einige Patienten telefonisch beraten.

Eigentlich finde ich ja, Typ 1 Diabetiker sollten in den Ambulanzen und großen Krankenhäusern betreut werden, aber in dieser Zeit waren oft Ärzte und Ambulanzen nicht mehr erreichbar. Also habe halt ich versucht, zwischendurch ein bisschen zu helfen.
Was mich immer wieder erschreckt: das geringe Wissen, wie man Insulin richtig anpasst.
 

Hier ein Paar allgemeine Hinweise dazu - bitte wirklich nur als erste, allerwichtigste Information nehmen!

Wenn Sie Typ 1 Diabetiker sind und wenn Ihnen das Folgende nicht sofort klar ist, dann gehen Sie bitte in Ihre Diabetes-Ambulanz und lassen sie sich informieren oder schulen oder- noch besser – Sie fahren auf eine Diabetes-REHA und holen dort ihren „Diabetes-Führerschein“ nach und sind dann sicherer unterwegs auf der nächsten kurvigen Diabetes-Straße. 

Insulin-Anpassung bei Typ 1 Diabetes und erhöhtem Insulin-Bedarf – erste Informationen:

Bei Typ 1 das wichtigste Prinzip: wenn der Blutzucker aufgrund zB. einer Krankheit ansteigt, dann ist er ja meist den ganzen Tag über höher als gewohnt. 

Viele erhöhen dann nur das Basis-Insulin,oder die Basalrate in der Pumpe.
ABER: wenn der Insulin-Bedarf höher ist, dann braucht man mehr Basis -Insulin – ja klar – aber genauso auch mehr Insulin zum Essen!
Also muss auch der Insulin-Faktor pro Broteinheit entsprechend angehoben werden.
Und außerdem: wenn man mehr Insulin braucht, dann braucht man natürlich auch mehr Insulin zur Korrektur: der Korrektur-Faktor – Sie wissen schon: „Eine Einheit Insulin senkt bei mir den Blutzucker um…“ der ändert sich auch! Eine Einheit Insulin senkt dann den Zucker WENIGER als sonst!

Rechenbeispiel – NICHT zum Nachmachen, nur zum Mitdenken:


(Typ 1 Diabetiker oder Typ 2 mit FIT Therapie verstehen das was jetzt kommt, die anderen lesen darunter weiter)

Angenommen, ein Typ 1 Diabetiker braucht normalerweise:
Basis-Insulin: 20 Einheiten Tresiba oder Toujeo,
2 Einheiten schnelles Insulin pro BE,
Korrektur: 1 Einheit schnelles Insulin senkt um 30 mg%.

Wenn er nun zum Beispiel 20 % mehr Insulin braucht,  etwa wegen einer Krankheit. dann sieht das so aus:
Basis-Insulin: 24 Einheiten Toujeo oder Tresiba,
schnelles Insulin zum Essen: 2,5 Einheiten pro Be
Korrektur: 1 Einheit schnelles Insulin senkt den BZ nur mehr um 25mg%
( statt um 30 wie davor) – hier sehen Sie auch schön, wie man die Werte rundet.


Zum Schluss: Bleiben Sie gesund, passen Sie gut auf, auf sich und auf Ihre Lieben, denken Sie an

Abstand – Masken – Hände waschen!

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Dr. Susanne Pusasrnig

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