Die Zuckertante liest: Juli 2026 - Zuckertante.at
Titel Studien Juli 2026

Was die Zuckertante liest:
Neue Diabetes-Studien vom Juli 2026 – verständlich erklärt

Hinweis: Jeden Monat erscheinen weltweit hunderte neue Arbeiten zum Thema Diabetes. In dieser Rubrik stelle ich eine persönliche Auswahl von Studien vor, die ich für besonders interessant oder alltagsrelevant halte. Der Anspruch ist nicht Vollständigkeit, sondern verständliche Einordnung: Was wurde untersucht, was kam heraus – und was könnte das für Menschen mit Typ-2-Diabetes bedeuten?

Keine Zeit zum Lesen? Hier zum Zuhören, darunter ist die Kurzfassung:

💉 Studie 1: SUSTAIN OPTIMIZE – Semaglutid und weniger Insulin?

Mitgemacht haben Menschen mit Typ-2-Diabetes, die bereits ein lang wirkendes Insulin spritzten. Sie bekamen entweder zusätzlich Semaglutid – bekannt als Wirkstoff aus Ozempic – und weniger Insulin oder kein zusätzliches Semaglutid und ihr Insulin wurde weiter gesteigert.

Mit Semaglutid senkten sich die  Zuckerwerte besser als nur mit Insulin. Die Teilnehmer nahmen außerdem deutlich mehr Gewicht ab und brauchten weniger Insulin. Auch schwere Unterzuckerungen waren seltener. Dafür gab es wesentlich häufiger Magen-Darm-Beschwerden.

Die Botschaft: Wenn Basalinsulin allein nicht mehr reicht, muss „noch mehr Insulin“ nicht immer die einzige Möglichkeit sein.

🤖 Studie 2: Hybrid Closed Loop – Insulinpumpen auch bei Typ-2-Diabetes?

Insulinpumpen und automatische Insulin-Systeme kennen viele vor allem vom Typ-1-Diabetes.

Eine große Auswertung von 36 Studien mit mehr als 4.000 Menschen zeigt aber: Auch bei insulinbehandeltem Typ-2-Diabetes können sogenannte Hybrid-Closed-Loop-Systeme die Zuckerwerte deutlich verbessern.

Der HbA1c sank gegenüber mehreren täglichen Insulinspritzen um durchschnittlich 0,79 Prozentpunkte. Die Menschen verbrachten außerdem rund vier Stunden täglich länger im gewünschten Zuckerbereich.

Die Botschaft: Moderne Insulinpumpen könnten auch für mehr Menschen mit Typ-2-Diabetes eine echte Therapieoption werden.

🏋️ Studie 3: Nicht einfach „mehr bewegen“ – passend trainieren

103 Menschen mit Typ-2-Diabetes und viel Bauchfett machten entweder weiter wie bisher oder absolvierten 16 Wochen ein Trainingsprogramm.

Das Besondere: Ausdauer- und Krafttraining wurden an die persönliche Fitness und Muskelkraft angepasst.

Die Trainierenden verloren mehr Fett, bauten relativ mehr Muskulatur auf und verbesserten Fitness und Zuckerstoffwechsel. Überraschend interessant: Auch bei einigen Tests der geistigen Leistungsfähigkeit schnitten sie besser ab.

Die Botschaft: Kraft und Ausdauer gehören zusammen – und Bewegung sollte zum Menschen passen.

📱 Studie 4: Betreuung zwischen den Arztterminen hilft

Eine Auswertung von elf guten Studien untersuchte telemedizinische Betreuung von Menschen mit Typ-2-Diabetes durch Pflegepersonen. Das konnten Telefonate oder online Kontakte sein.

Der HbA1c war mit dieser regelmäßigen Begleitung durchschnittlich 0,62 Prozentpunkte niedriger als bei üblicher Betreuung.

Die Botschaft: Nicht nur Medikamente wirken. Auch ein Mensch, der regelmäßig nachfragt, erklärt und beim Umgang mit dem Diabetes unterstützt, kann einen messbaren Unterschied machen.

Und nun etwas genauer

1. SUSTAIN OPTIMIZE: Semaglutid dazu – und dafür weniger Basalinsulin?

Diese Studie hat mich schon deshalb interessiert, weil sie eine Situation untersucht, die in der täglichen Diabetesbehandlung dauernd vorkommt:

Jemand hat Typ-2-Diabetes und spritzt bereits ein lang wirkendes Insulin, ein sogenanntes Basalinsulin, Trotzdem ist der HbA1c noch zu hoch.

Was tun? Eine naheliegende Möglichkeit ist:
„Dann erhöhen wir eben das Insulin.“
Das kann schon funktionieren. Aber oft wird das immer wieder gemacht, dann spritzt man mehr und mehr Insulin.
Immer mehr Insulin kann auch Nachteile haben: Das Risiko für Unterzuckerungen steigt, und Gewichtszunahme kann ein Thema werden.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, ein Medikament mit einem anderen Wirkprinzip dazu zu nehmen. Genau das wurde in SUSTAIN OPTIMIZE untersucht.

Was wurde untersucht?

573 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht nahmen teil. Alle verwendeten bereits Basalinsulin, genauer gesagt Insulin Glargin (Lantus, Semglee, Abasaglar, Toujeo), in einer Dosis von höchstens 40 Einheiten täglich.

Die Studie dauerte 40 Wochen.
Die Teilnehmer wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt:
Die eine Gruppe bekam Semaglutid 2,0 mg einmal wöchentlich zusätzlich zum Basalinsulin. Gleichzeitig wurde die Insulindosis reduziert.

In der anderen Gruppe wurde kein Semaglutid gegeben. Stattdessen wurde das Insulin weiter so angepasst und gesteigert, dass möglichst gute Zuckerwerte erreicht wurden.

Semaglutid kennen viele von Ihnen. Es ist der Wirkstoff unter anderem in Ozempic.

Was kam heraus?

Beim HbA1c war die Kombination Semaglutid plus reduziertes Insulin stärker:

Der Unterschied zwischen den Gruppen betrug 0,74 HbA1c-Prozentpunkte zugunsten von Semaglutid.

Das heißt nicht, dass der HbA1c nur um 0,74 gesunken ist. Das ist der zusätzliche Unterschied zwischen den beiden Behandlungen.

Beim Gewicht war der Unterschied noch auffälliger: Die Semaglutid-Gruppe lag am Ende im Durchschnitt 8,5 kg günstiger als die Gruppe, bei der das Insulin weiter gesteigert worden war.

Auch die tägliche Insulinmenge war deutlich niedriger, und die Teilnehmer waren mit ihrer Behandlung zufriedener.

Und die Unterzuckerungen?

Auch hier gab es ein interessantes Ergebnis: Schwere Hypoglykämien waren unter Semaglutid plus reduziertem Insulin seltener. Die Rate lag ungefähr bei der Hälfte jener in der Gruppe mit weiter gesteigertem Insulin.

Das klingt sehr erfreulich. Aber jetzt kommt die andere Seite.

Nebenwirkungen

Magen-Darm-Beschwerden waren unter Semaglutid wesentlich häufiger.

In der Veröffentlichung werden 310 gastrointestinale Ereignisse in der Semaglutid-Gruppe gegenüber 32 in der Vergleichsgruppe angegeben.

Das passt zu dem, was wir von GLP-1-Medikamenten kennen: Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall oder Verstopfung können auftreten.

Manche Menschen vertragen diese Medikamente hervorragend. Andere eben nicht.

Was bedeutet das für Sie?

Für mich ist die interessante Botschaft dieser Studie nicht:

„Semaglutid ist besser als Insulin.“

So einfach ist es in der Medizin meist nicht. Sondern:
Wenn Basalinsulin allein nicht mehr reicht, gibt es verschiedene Wege.

Mehr Insulin ist einer davon.
Ein Medikament mit einem anderen Wirkmechanismus dazu zu nehmen kann ein anderer sein.
Gerade wenn Gewichtszunahme oder Unterzuckerungen ein Problem sind, kann das eine wichtige Überlegung sein.

Aber bitte nicht daraus ableiten:
„Dann reduziere ich morgen mein Insulin und spritze Ozempic dazu.“

Bei Menschen, die Insulin verwenden, müssen solche Änderungen gemeinsam mit Ärztin, Arzt oder Diabetes-Team geplant werden. Sonst kann es ziemlich rasch zu zu viel oder zu wenig Insulin führen!

Was wir bei der Studie beachten müssen

SUSTAIN OPTIMIZE war eine gute randomisierte Studie mit 573 Menschen.

Aber sie war offen. Das bedeutet: Teilnehmer und Behandler wussten, welche Therapie eingesetzt wurde. Das geht auch nicht anders!

Die Studie  dauerte 40 Wochen. Das reicht gut für HbA1c, Gewicht und Insulinbedarf, beantwortet aber nicht automatisch die Frage, was nach fünf oder zehn Jahren passiert.

Und: Die Studie wurde von Novo Nordisk, dem Hersteller von Semaglutid, gesponsert; mehrere Autoren sind beim Unternehmen beschäftigt. Das macht die Studie nicht wertlos. Es ist aber eine Information, die man beim Lesen wissenschaftlicher Arbeiten wissen sollte.

2. Hybrid Closed Loop: Kommt die Insulinpumpe jetzt auch beim Typ-2-Diabetes?

Dieses Thema finde ich besonders wichtig. Denn sobald jemand „Insulinpumpe“ sagt, denken viele automatisch: Typ-1-Diabetes! Das war lange ganz selbstverständlich.

Menschen mit Typ-1-Diabetes brauchen von Anfang an Insulin und müssen es ständig an Essen, Bewegung, Stress und aktuelle Zuckerwerte anpassen.

Aber auch manche Menschen mit Typ-2-Diabetes kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie eine intensive Insulintherapie brauchen.

Sie spritzen lang wirkendes Insulin als Basis und schnelles Insulin zu den Mahlzeiten und zur Korrektur erhöhter Werte.

Mehrere Spritzen täglich. Häufig Blutzucker messen beziehungsweise Sensor anschauen. Insulin berechnen. Korrigieren. Wieder messen. Und das alles jeden Tag.

Da liegt die Frage auf der Hand:
Kann eine Insulinpumpe einen Teil dieser Arbeit übernehmen?

Was ist überhaupt „Hybrid Closed Loop“?

Das klingt fast schon nach Raumfahrt, ist aber eigentlich relativ logisch.

Man braucht drei Teile:
Einen Glukosesensor, der laufend den Zucker misst.
Eine Insulinpumpe, die Insulin abgibt.
Und einen Algorithmus, also ein Computerprogramm, das die Sensorwerte auswertet und die Insulinabgabe automatisch anpasst.

Das System bildet sozusagen einen Kreislauf:
Sensor misst → Computer entscheidet → Pumpe reagiert → Sensor misst wieder.

Warum heißt es hybrid? Weil der Mensch noch mitarbeiten muss. Zum Beispiel müssen Mahlzeiten meist weiterhin angekündigt werden, mit Angabe wieviel Gramm Kohlenhydrate man essen wird, und häufig muss auch die Insulingabe zum Essen bestätigt werden.

Ein vollständig geschlossenes System würde noch mehr Entscheidungen alleine treffen.

Was wurde diesmal untersucht?

Die neue Arbeit ist keine einzelne Studie, sondern eine systematische Übersichtsarbeit mit Netzwerk-Metaanalyse.

Die Forscher suchten nach guten Studien zu verschiedenen Formen der Insulinabgabe bei Erwachsenen.

Am Ende wurden 36 unabhängige Studien mit insgesamt 4.157 Teilnehmern ausgewertet.

Verglichen wurden unter anderem:

  • mehrere tägliche Insulininjektionen,
  • klassische Insulinpumpen,
  • Hybrid-Closed-Loop-Systeme,
  • vollständig geschlossene Systeme.

Die mittlere Studiendauer war allerdings kurz: Der Median lag bei zwölf Wochen.

Was kam dabei heraus?

Was kam heraus?

Hybrid Closed Loop zeigte gegenüber mehreren täglichen Spritzen besonders deutliche Vorteile.

Der HbA1c lag im Durchschnitt um 0,79 Prozentpunkte niedrigerUnd jetzt kommt für mich die interessantere Zahl: Die Time in Range verbesserte sich um 16 Prozentpunkte.

Time in Range bedeutet: Wie viel Zeit verbringt der Zucker zwischen 70 und 180 mg/dl? 16 Prozentpunkte mehr entsprechen grob gerechnet: fast 4 Stunden mehr pro Tag im Zielbereich.

Das ist sehr gut!  Außerdem sank die Zeit mit zu hohen Werten um rund 13,5 Prozentpunkte.

Und die tägliche Insulindosis lag im Durchschnitt knapp 16 Einheiten niedriger als bei mehreren täglichen Injektionen.

Klassische Insulinpumpen wirkten übrigens auch

Auch eine normale kontinuierliche Insulininfusion über eine Pumpe ohne Hybrid-Closed-Loop-Technik war gegenüber mehreren täglichen Spritzen günstiger. Der HbA1c sank dabei im Mittel um 0,47 Prozentpunkte, und auch hier ging der Insulinbedarf zurück.

Das finde ich wichtig, weil es zeigt: Die Frage ist nicht nur:

„Supermoderne automatische Technik oder gar nichts.“

Auch „klassische Pumpentherapie“, also Behandlung mit einfacheren Pumpen-Modellen,  kann für manche Menschen mit Typ-2-Diabetes sinnvoll sein.

Ein kleiner Haken: das Gewicht

Unter Hybrid Closed Loop war das Körpergewicht im Mittel um etwa 1,6 kg höher als bei mehreren täglichen Injektionen.

Warum genau, lässt sich aus dieser Metaanalyse nicht sicher beantworten.

Und auch zu Sicherheitsfragen waren die Daten noch vergleichsweise dünn.


Was bedeutet das für Sie?

Wenn Sie Typ-2-Diabetes haben und nur Tabletten oder einmal täglich Basalinsulin verwenden: Dann ist das hier wahrscheinlich noch lange nicht Ihr Thema.

Aber wenn Sie vier-, fünfmal täglich Insulin spritzen, Kohlenhydrate berechnen, korrigieren und ständig mit schwankenden Werten kämpfen, dann wird es interessanter.

Insulinpumpen und automatische Systeme sind nicht mehr nur eine Typ-1-Welt.

Trotzdem: Eine Pumpe ist kein „Zauberkastl“

Man muss lernen, damit umzugehen. Da gibt es am Anfang einiges zu lernen. Man handelt sich ganz neue Aufgaben ein:

Sensor und Pumpe müssen getragen werden. Katheter müssen gewechselt werden. Es gibt Alarmmeldungen. Die Technik kann ausfallen, das passiert aber nur mehr sehr selten. Und natürlich müssen Kosten und Krankenkassenregelungen berücksichtigt werden.

Nicht jeder Mensch möchte so ein Gerät am Körper tragen.Die meisten sagen zwar nach wenigen Wochen:

„Geb ich nie mehr her.“

Andere mögen die Pumpe nicht.
Beides ist völlig legitim.

Was wir noch nicht wissen

Die größte Schwäche dieser Metaanalyse ist für mich die kurze Studiendauer, im Durchschnitt zwölf Wochen. Menschen tragen ihre Insulinpumpe aber jahrelang.

Wir brauchen daher längere Studien zu:

  • Unterzuckerungen,
  • Gewicht,
  • Lebensqualität,
  • Therapiebelastung,
  • Kosten,
  • Langzeitakzeptanz.

Außerdem hatten viele der eingeschlossenen Studien methodische Schwächen oder zumindest ein gewisses Verzerrungsrisiko. Die Autoren weisen darauf ausdrücklich hin.

3. Personalisiertes Kraft- und Ausdauertraining: Nicht einfach „mehr Bewegung!“

„Sie sollten mehr Bewegung machen.“ Diesen Satz hat vermutlich fast jeder Mensch mit Typ-2-Diabetes schon gehört. Er ist ungefähr so hilfreich wie: „Sie sollten weniger Stress haben.“

Ja eh. Die interessantere Frage lautet: Was soll ich konkret machen?

Und genau deshalb gefällt mir diese Studie.

Was wurde untersucht?

103 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes , Übergewicht und viel Bauchfett nahmen teil.
Das Durchschnittsalter lag bei 49 Jahren.
51 Menschen sollten ihren bisherigen Lebensstil beibehalten.
52 Menschen bekamen ein 16-wöchiges kombiniertes Trainingsprogramm.

Das Besondere daran:

Das Training wurde an ihre individuelle Ausdauer-Leistungsfähigkeit und Muskelkraft angepasst und die Belastung wurde über die verschiedenen Trainingsphasen schrittweise gesteigert.

Was wollten die Forscher vor allem wissen?

Der wichtigste Endpunkt war nicht der HbA1c.

Sondern: Wie verändert sich die Fettmasse?

Das finde ich bemerkenswert. Denn eine Waage sagt nur: Sie wiegen 90 kg.Sie sagt nicht: Wie viel davon sind Muskeln? Wie viel ist Fett? Wo sitzt das Fett? Diese Unterschiede sind aber für den Stoffwechsel sehr wichtig.

Was kam heraus?

Nach 16 Wochen hatte die Trainingsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe 1,2 kg mehr Fettmasse verloren.

Gleichzeitig nahm der Anteil der Skelettmuskulatur zu. Mit MRT-Untersuchungen konnte man außerdem zeigen:

  • weniger Bauchfett,
  • mehr Muskulatur an den Beinen.

Auch Fitness und Blutzucker-Regulation verbesserten sich. Und dann wurde es noch interessanter:

Die Forschenden untersuchten zusätzlich die geistige Leistungsfähigkeit.

Die Trainingsgruppe schnitt nach den 16 Wochen bei mehreren Tests besser ab.Unter anderem bei:

  • Wahrnehmungsgeschwindigkeit,
  • Arbeitsgedächtnis,
  • sogenannten exekutiven Funktionen.

Exekutive Funktionen brauchen wir zum Beispiel zum Planen, Organisieren, Entscheiden und flexiblen Reagieren.

Sogar funktionelle MRT-Untersuchungen des Gehirns wurden durchgeführt. Dabei zeigten sich nach dem Training effizientere Aktivitätsmuster in bestimmten Netzwerken.

Ich würde daraus jetzt nicht machen: „Krafttraining verhindert Demenz!“ Das gibt diese Studie (noch?) nicht her. Aber interessant ist es auf jeden Fall!.

Warum sind Muskeln bei Diabetes so wichtig?

Muskeln sind nicht nur dazu da, dass wir Einkaufstaschen tragen können. Muskeln sind ein sehr wichtiges Stoffwechselorgan.

Wenn Sie sich bewegen, brauchen Muskeln Energie. Und ein Teil dieser Energie kommt aus Ihrem Blutzucker. Regelmäßige Bewegung verbessert außerdem die Insulin-Empfindlichkeit.

Gerade bei Typ-2-Diabetes sind Muskeln daher ausgesprochen wertvoll. Mit zunehmendem Alter verlieren Menschen außerdem leichter Muskelmasse. Deshalb finde ich den Gedanken:

„Nicht nur Gewicht verlieren – Muskeln erhalten oder aufbauen“

viel sinnvoller als den ewigen alleinigen Blick auf die Waage.

Was bedeutet das für Sie?

Vielleicht ist die wichtigste Botschaft:

Sie müssen nicht trainieren wie ein Weltmeister.

Wenn Sie seit zehn Jahren keinen Sport gemacht haben, ist Ihr Ausgangspunkt ein anderer als bei jemandem, der dreimal pro Woche ins Fitnessstudio geht. Genau deshalb gefällt mir an dieser Studie die Personalisierung.

Ausdauer und Kraft wurden nicht nach einem starren Schema für alle verordnet. Die Belastung wurde sorgfältig an die jeweilige Leistungsfähigkeit angepasst.

Das passt auch zu meinem Lieblingssatz über Bewegung:

Es muss nicht SO schwer sein.

Vielleicht bedeutet Krafttraining für Sie am Anfang:

  • zehnmal vom Sessel aufstehen,
  • Übungen mit einem Theraband,
  • mit einer leichten Hantel,
  • oder ein Gerät im Fitnessstudio.

Und Ausdauer vielleicht:

  • Gehen,
  • Radfahren,
  • Schwimmen,
  • Hometrainer

Die richtige Bewegung ist nicht die, die in irgendeinem Hochglanzmagazin am sportlichsten aussieht.

Die richtige Bewegung ist die, die Sie machen können – und immer wieder machen.

Was wir noch nicht wissen

103 Menschen sind keine riesige Studie. 16 Wochen sind außerdem kurz.

Wir wissen daher nicht, ob die Verbesserungen nach einem Jahr noch bestehen.

Und die Teilnehmer hatten sowohl Typ-2-Diabetes als auch viel Bauchfett. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht automatisch auf jeden Menschen mit Typ-2-Diabetes übertragen. Es traten aber keine schweren unerwünschten Ereignisse auf.

4. Telemedizinische Betreuung: Vielleicht ist es gar nicht die App, sondern der Mensch dahinter

Diese vierte Studie gefällt mir aus einem ganz anderen Grund. Wir reden derzeit ständig über:

Apps. Künstliche Intelligenz. Sensoren. Online-Sprechstunden. Telemedizin.

Das fasziniert mich ja alles auch. Aber manchmal klingt es fast so, als würde allein die Technik Menschen gesünder machen. Und das bezweifle ich – obwohl ich ja begeistert an meiner App „bastle“ ! Diese Metaanalyse untersuchte etwas viel Interessanteres:

Was passiert, wenn Menschen mit Typ-2-Diabetes zwischen den normalen Arztterminen regelmäßig von Pflegepersonen telemedizinisch begleitet werden?

Was wurde untersucht?

Die Wissenschaftler suchten nach guten Studien aus den Jahren 2015 bis Januar 2026.

Sie fanden elf randomisierte kontrollierte Studien.

Zehn davon konnten für die statistische Analyse verwendet werden. Verglichen wurde strukturierte telemedizinische Betreuung durch Pflegepersonen mit normaler beziehungsweise üblicher Versorgung.

Was ist „Telemedizin“ hier überhaupt?

Das ist wichtig. Telemedizin ist nicht automatisch: „Sie bekommen eine App.“

Je nach Studie kann das bedeuten: Telefonate oder Video-Termine oder Übermittlung von Zuckerwerten online mit digitalen Rückmeldungen oder Beratung en zum Selbstmanagement. Oder Mischformen davon. Genau diese Unterschiedlichkeit ist später auch eine Einschränkung bei der Beurteilung der Studie.

Was kam heraus?

Der HbA1c war bei Menschen mit Telebetreuung von Pflegekräften im Durchschnitt um 0,62 Prozentpunkte niedriger als bei üblicher Betreuung.

Statistisch war das Ergebnis klar signifikant.

0,62 Prozentpunkte sind nicht wenig. Bei manchen Diabetesmedikamenten würden wir uns über einen solchen zusätzlichen HbA1c-Effekt durchaus freuen.

Hat man auch abgenommen?

Nicht eindeutig. Beim BMI gab es zwar einen kleinen Vorteil von durchschnittlich −0,61 kg/m², statistisch war dieser Unterschied aber gerade nicht eindeutig.

Beim Nüchtern-Zucker fand sich ebenfalls kein gesicherter Unterschied.

Warum könnte Betreuung so gut wirken?

Das kann diese Metaanalyse nicht endgültig beantworten. Aber denken wir an den Alltag: Zwischen zwei Diabetes-Terminen liegen vielleicht drei Monate, oder sogar sechs.

In dieser Zeit passiert einiges. Ein neues Medikament macht Übelkeit. Die Zuckerwerte steigen plötzlich. Der Sensor zeigt dauernd hohe Werte nach dem Frühstück. Man weiß nicht, ob man das Insulin verändern soll.

Man hat eine schlechte Woche. Dann noch eine.
Und irgendwann ist der nächste Arzttermin.
Wenn zwischendurch regelmäßig jemand fragt:

„Wie geht's Ihnen?“
"Zeigen Sie mir einmal Ihre Werte.“
„Was ist seit letzter Woche anders?“
„Kommen Sie mit dem Medikament zurecht?“

dann können kleine Schwierigkeiten vielleicht früher abgefangen werden.

Das ist übrigens ein wichtiger Punkt

Die Studie zeigt nicht:

Eine App senkt den HbA1c um 0,62 %.

Sie zeigt:

Strukturierte telemedizinische Betreuung durch Pflegepersonen kann den HbA1c verbessern.

Das ist etwas anderes.

Der persönliche Kontakt dürfte ein wichtiger Teil dieser Betreuung sein.

Was bedeutet das für Sie?

Vielleicht brauchen wir beim Typ-2-Diabetes manchmal weniger:

„Hier haben Sie noch ein Merkblatt.“

Und häufiger: „Wir sprechen uns nächste Woche wieder.“

Besonders Menschen, die gerade ihre Therapie umstellen, frisch mit Insulin beginnen oder Schwierigkeiten haben, könnten von solchen Modellen profitieren.

Aber ja, es ist schwierig – als Ärztin für Allgemeinmedizin weiß ich genau, wie wenig Zeit in den Ordinationen und in den Ambulanzen ist…. Meine App soll da ja weiterhelfen, soll einen Raum bieten, in dem man fragen und sich austauschen kann, wo man Unterstützung und Rat bekommt. Deshalb hab ich mich natürlich sofort auf die Studie gestürzt! Sie bestätigt das, was ich schon so lange denke und sage…. Chronisch kranke Menschen – gerade die mit Typ 2 Diabetes – brauchen Ansprechpartner, Information, Betreuung – jederzeit, nicht nur beim Arzt-Besuch!

Übrigens, falls Sie die App noch nicht kennen: https://www.zuckertante.at/app/

Was wir noch nicht wissen

Die elf Studien zur Telemedizin unterschieden sich zum Teil deutlich.

Wie oft gab es Kontakt?
Telefon oder Video?
Wie intensiv war die Beratung?
Wie lange dauerte die Betreuung?
Welche Qualifikation hatten die Pflegepersonen?

Die Metaanalyse kann daher noch nicht sagen:

Genau dieses Telemedizin-Modell ist das beste.

Auch langfristige Ergebnisse müssen noch genauer untersucht werden. Genau darauf weisen die Autoren hin.

Was nehme ich aus diesen vier Studien mit?

Auf den ersten Blick haben die vier Arbeiten wenig miteinander zu tun.

Ein GLP-1-Medikament.
Die Insulinpumpe auch für Typ 2 Diabetes.
Krafttraining.
Telemedizinische Betreuung.

Aber eigentlich erzählen sie alle dieselbe Geschichte:

Eine gute Diabetesbehandlung besteht nicht aus einer einzigen Maßnahme.

Bei einem Menschen kann es sinnvoll sein, die Insulintherapie mit einem GLP-1-Medikament wie Z.B. Ozempic zu ergänzen.

Bei einem anderen kann moderne Pumpentechnik einen Teil der täglichen Arbeit übernehmen.

Der nächste profitiert vielleicht besonders davon, Muskulatur aufzubauen.

Und alle brauchen sie regelmäßige Unterstützung zwischen den Arztterminen!

Früher hat Diabetesbehandlung manchmal sehr linear funktioniert:

Zucker zu hoch → mehr Medikament.

Heute können wir viel differenzierter fragen:

Warum ist der Zucker zu hoch?

Ist die Insulinmenge das Problem?
Ist das Gewicht ein Thema?
Sind Unterzuckerungen ein Problem?
Ist die Therapie zu kompliziert?
Fehlt Muskelmasse?
Fehlt Wissen?

Oder fehlt schlicht jemand, der regelmäßig mit hinschaut?

Das gefällt mir an der modernen Diabetesmedizin so gut:

Nicht:

„Welche Therapie ist die beste?“

Sondern:

„Welche Therapie passt zu genau diesem Menschen?“

Und deshalb ist mein Fazit für Juli:

Mehr Behandlung ist nicht automatisch bessere Behandlung. Besser abgestimmte Behandlung schon eher!

die Zuckertante Dr. Pusarnig


Die Zuckertante grüßt
und wünscht allzeit gute Werte!

Zum Weiterlesen

Links geprüft im August 2026.

1. SUSTAIN OPTIMIZE

Originalarbeit in Diabetes, Obesity and Metabolism:
“Efficacy and Safety of Once-Weekly Semaglutide 2.0 mg as an Add-On to Dose-Reduced Insulin Glargine versus Dose-Titrated Insulin Glargine in People With Type 2 Diabetes and Overweight (SUSTAIN OPTIMIZE)”. DOI: 10.1111/dom.71132.

SUSTAIN OPTIMIZE bei PubMed

2. Hybrid Closed Loop und andere Formen der Insulinabgabe

Originalarbeit in Diabetes, Obesity and Metabolism:
“Comparative Efficacy of Insulin Delivery Modalities on Glycaemic Control in Adults With Type 2 Diabetes: A Systematic Review and Network Meta-Analysis”. DOI: 10.1111/dom.71104. Die Arbeit umfasst 36 randomisierte Studien mit 4.157 Teilnehmern.

Netzwerk-Metaanalyse bei PubMed

3. Personalisiertes Ausdauer- und Krafttraining

Originalarbeit in Science Bulletin:
“Multidimensional effects of personalized exercise intervention in type 2 diabetes: a randomized controlled trial”. DOI: 10.1016/j.scib.2026.06.021. Die Juli-Ausgabe erschien am 15. Juli 2026; online war die Arbeit bereits ab 8. Juni verfügbar.

Studie bei PubMed

Originalarbeit bei ScienceDirect

4. Telemedizinische Betreuung durch Pflegepersonen

Originalarbeit im Journal of Clinical Nursing:
“Effectiveness of Nurse-Led Telehealth Compared With Usual Care on Glycemic Control and Body Mass Index in Adults With Type 2 Diabetes: A Systematic Review and Meta-Analysis”. DOI: 10.1111/jocn.70457. Online veröffentlicht am 17. Juli 2026.

Telemedizin-Metaanalyse bei PubMed

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