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7 kleine und der EINE GROSSE Fehler beim Zucker-Messen – und wie man sie vermeidet

Von Susanne Pusarnig / 27. Januar 2017
Zucker-Messgerät

BZ MEssgerätFehler beim Zucker-Messen?

Pah. Ist doch ganz einfach. Oder? Naja. Man kann schon einiges falsch machen. Fehler beim Zucker-Messen führen zu falschen Zucker-Werten. Auf die kann man keine Behandlung aufbauen. Man macht sich damit  das Diabetiker-Leben (noch) schwerer!

1. Fehler: Vorne in die Fingerkuppe stechen

Autsch! Das tut weh. Zerstört irgendwann dort das feine Gespür. Macht rauhe Haut. Hornhaut  am FINGER? Bääh. Willst Du nicht haben. Willst Deine Finger lieber ganz haben, um zu spüren, um zu streicheln – Deinen liebsten Menschen – oder Deine Katze.
Also: immer schön seitlich in den Finger stechen. Oder in den Handballen, das ist der weiche Hügel unterm Daumen. Klingt bääh, funktioniert aber und tut dort nur ganz wenig weh.

2. Fehler: Den Finger „melken“

Du bist keine Kuh. Und Dein Finger ist keine Zitze – lass das ganze Rumgedrücke und  –Gequetsche bleiben. Da kommt Gewebewasser mit, und mischt sich mit dem Blut – so kann das nichts werden mit dem Zuckerwert. Wenn ein Finger gar kein Blut hergeben will, bleibt nichts anderes übrig als noch einmal zu stechen – vielleicht würde ja auch eine frische Nadel helfen?
Das führt uns gleich zu Fehler Nummer drei:

3. Fehler: Fast nie die Nadel in der Stechhilfe wechseln

Oder einmal pro Woche oder so… Nadel wechseln ist lästig. Aber das Gefühl, wenn eine ganz neue Nadel durch die Haut flutscht, so dass mans kaum spürt… unvergleichlich! Gönn Dir das –manchmal.

4. Fehler: Immer denselben Finger nehmen

Oder zwei oder drei Finger zu „Stechfingern“ erklären. Der Mensch hat 10 Finger, damit er 20 Plätze zum Zucker-Messen hat! An den Fingerkanten vorne, seitlich des Fingernagels und etwas unterhalb davon, außen und innen.

Abwechslung muss sein – und es ist SEHR schlau, auch mit der „anderen“ Hand stechen zu lernen. Mit der, mit der man ungeschickt ist… wie viele Diabetiker haben schon laut geflucht, wenn sie sich die Arbeits-Hand verletzt haben und nun unter Schmerzen irgendwie mit der anderen hantieren mussten.

Deshalb: von Anfang an allen Fingern beibringen, dass sie gestochen werden. Da gibt’s keine Ausnahme! Und so kann sich jeder einzelne Finger besser erholen.
Auch gar nicht schlau:

5. Fehler: Zweimal denselben Blutstropfen messen

Zucker-MEssgerätZweimal mit zwei verschiedenen Geräten messen… das bringt Dich nur durcheinander. Und Deine Diabetes-Einstellung. Lass es sein. Unsere lieben kleinen Messgeräte sind nicht so genau, wie sie tun. Deshalb werden sie von manchen Diabetikern liebevoll „Schätzeisen“ genannt.

Messgerät orangeDenn der Wert, den Du misst, ist ein sehr „ungefährer“ Wert. Der Zucker kann „in Wirklichkeit“ um bis zu 1/6 höher oder tiefer liegen. Das muss man sich mal vorstellen: Wenn Dein Messgerät „200“ sagt, kann Dein Blutzucker „in Wirklichkeit“ auch 180 sein. Oder 223.

Einer hoch, einer tief?

Und nun stell Dir vor, das eine Messgerät misst eher tief. Das 2. Messgerät misst eher hoch. Die Werte vom zweiten schwanken ja genauso wie die vom ersten Messgerät. Also: das addiert sich!

Also kann 180 auf einem Messgerät und 240 auf einem anderen bedeuten, dass beide Messgeräte innerhalb der Schwankung liegen und beide „recht haben“. Lass es einfach bleiben. Bleib bei Deinem geliebten Messgerät und geh nicht fremd!

6. Fehler: Doppelte Buchführung

Du weisst nicht, was das hier heißen soll? Bitte ganz schnell hier wegschauen und bei „der ganz große Fehler“ weiterlesen! Husch, husch! Du willst das nicht wissen…  Hier gehts weiter für Dich!

Für alle anderen, die nun leise grinsen. Oder sich schlecht fühlen, weil sie „lügen“: Lasst Euch gesagt sein: falsche Werte aufschreiben – denn das meint die Zuckertante mit „doppelter Buchführung“ – das ist sooo verständlich. Sooo „normal“.

Reis mit Stäbchen„Ist ja nur einmal!“

Ihr kennt das sicher: da hackt man sich abends in den Finger, und das doofe Messgerät sagt 320. Hm. OK, das Mittagessen beim Chinesen… aber so was isst man sonst ja NIE… und übermorgen geht’s zum Arzt. Und sonst hat man doch abends immer Werte so um 160 – 200.

Also fix mal 180 hingeschrieben, weils ja „sonst eh immer so ist“. Blöderweise ist dann der Nüchtern-Zucker auch höher als sonst – aber das kommt ja vom gestrigen Abend… also schrauben wir den auch ein bisschen runter und schreiben was Besseres ins Heftl… undsoweiterundsoweiter.

Bringt natürlich nichts. Außer vielleicht ein entspannteres Gespräch beim Arzt. Aber auch dabei ein blödes Gefühl.

Weil sich Anerkennung für Werte, die man gefaked hat, ganz mies anfühlt.

vogelWenn man aber falsche Werte aufschreiben „muss“, damit die lieben Mitmenschen Ruhe geben? Damit man die besänftigen kann, wenn sie dauernd nachfragen: „Wie ist denn Dein Wert?“ Ja, das kann gewaltig nerven.

Ist ein ganz eigenes Problem. Dazu wird die Zuckertante noch was extra schreiben. Wenns (vorläufig) gar nicht anders geht: Echte doppelte Buchführung? Also im Bücherl und z.B. in einer App? Einmal fürs Umfeld, einmal für sich selbst? Ist keine gute Lösung. Aber vielleicht eine Zwischenlösung…

7. Fehler: Nichts aufschreiben

„Ich spritze ja eh nach Wert.“ „Ich will bloss schauen, es reicht wenn ich jetzt weiss ob mein Zucker passt“. Das führt so gut wie IMMER zu schlechteren HbA1c-Werten, zu schlechterer Einstellung. Weil Menschen Menschen sind. Weils menschlich ist, hohe Werte sehr schnell zu „vergessen“. Weil man hohe Werte gar nicht lang anschauen will und die schnell „wegdrückt“.

Ohne Überblick wirds schwer

Vor allem aber: weil man von Augenblick zu Augenblick lebt. Und dabei den Blick aufs „große Ganze“ verliert. Keine Trends mehr erkennen kann. Nicht mehr sieht, wo es prinzipiell hakt. Und daher auch nicht reagiert, nichts an der Einstellung ändert, vor sich hin wurschtelt. Das nagende unangenehme Gefühl wegdrückt. Was nebstbei auch niemandem guttut… auch der eigenen Laune nicht.

hba1c_3Und dann steht am Laborbefund ein gar nicht schönes HbA1c. Und dann schaut man in den Speicher des Messgeräts…hm… „DAS war mir nicht bewusst, dass da so viele hohe Werte sind… die sind ja immer mehr geworden in letzter Zeit…“

OK, geschenkt, aufschreiben ist lästig.

ZuckerbüchleinWas helfen kann:

Neues Bücherl:

Erinnerst Du Dich an das wunderbare Gefühl beim Aufschlagen eines ganz neuen Heftes in der Schule: „Da werde ich jetzt immer ganz schön schreiben!“ Und auf den ersten Seiten haben wir das auch gemacht…

Apps ausprobieren:

Die Favoriten der Zuckertante sind sidiary und mysugr – aber es gibt viele viele andere. Mit einer neuen App spielen ist mindestens so gut wie ein neues Heft anfangen!

Die „Perfekten“ – die brauchen nicht …

Allerdings gibt’s die ganz seltenen Exemplare von Diabetikern, die WIRKLICH eine perfekte Einstellung haben, wo einfach alles passt: das HbA1c, die Werte vor dem Essen, die Werte nach dem Essen, keine Hypos, alles paletti… DIE dürfen das Aufschreiben für eine Weile vergessen.

Die Zuckertante rät trotzdem: mindestens beim „Jahrescheck“ wieder 5 Tage lang (3 Werktage und ein Wochenende) alles aufschreiben. Wenns wirklich perfekt ist, wenn der HbA1c passt: einer neuen „Auszeit“ steht nichts entgegen…

Das waren die 7 kleinen Hoppalas beim Messen. Und nun kommt der eine, der ganz große, der wichtigste, einfach DER Fehler:

Viel messen, wenn alles gut ist. Nicht mehr messen, wenns Probleme gibt

Da draußen gibt’s Tausende von Zuckerbücherln, in denen fein säuberlich hübsche Zuckerwerte stehen, wochenlang, monatelang… und dann ein Tag unvollständig, an einem Tag gar nichts, dann tagelang nichts, dann nur mehr vereinzelte Einträge… und dann ists endgültig versickert.

kleines NotizbuchZur Zuckertante kommen ja oft Diabetiker zur Beratung, die grad Probleme mit der Zuckereinstellung haben (eh klar, warum sollten sie auch kommen, wenn alles glatt läuft!). Und die dann – etwas zögernd – genau so ein Bücherl auf den Tisch legen. Und wissen wollen, wo es bei ihrer Behandlung hakt. Wo die Fehler liegen. Welches Medikament, welches Insulin, welche Dosierungen besser wären… bloss stehen da nur die Werte aus den „guten Zeiten“drin. „Naja, dann ist es halt schlechter geworden..“

Ja eh. Aber ohne Werte etwas verbessern?

Hm. Geht nicht. Kann man (fast) nichts dazu sagen. Weil genau die schlechten Werte fehlen. Die, wegen denen der Diabetiker überhaupt gekommen ist! So wird das nichts. Ist doch vollkommen logisch, oder? Aber trotzdem…

Es hat ja immer Gründe, warum wenig – oder gar nicht – gemessen wird. Sehr sehr oft liegt es daran, dass eine zusätzliche Belastung im Leben aufgetaucht ist. Diabetiker sein ist ja eine tägliche Extra-Aufgabe – zum „ganz normal verrückten Leben“. Ist eine tägliche Extra-Anstrengung.

pillen6_kullern-aus-becherDie Extra-Aufgabe im Leben

Vielleicht eine kleinere – „ich brauche nur einmal pro Woche kontrollieren, ob ich mit meinem Tabletten noch richtig liege“ – oder eine größere – „ich muss ganz oft messen und meine Insulin-Dosis dauernd anpassen ans Essen, an die Bewegung, an die aktuellen BZ-Werte“: eine Extra-Lebens-Aufgabe ists immer.

pen_rotZu viel wird zu schwer

Irgendwie scheinen Menschen nur ein begrenztes Maß an Belastungen gut zu verkraften. Das ist für jeden, für jede von uns verschieden. Aber wenn eine Extra-Belastung auftaucht, ein Problem, um das man sich kümmern muss, dann fliegt am anderen Ende eine Aufgabe raus – dann reicht die Energie halt einfach nicht für alles zusammen – und irgendwo lässt man eine Aufgabe liegen. Zum Beispiel das Aufschreiben der Zuckerwerte.

Wenns noch dicker kommt, „vergisst“ man vielleicht immer häufiger auch aufs Messen. Dazu der Zusatz-Stress in der belastenden Situation: eine Einbahnstrasse zu schlechten  Zuckerwerten. Eine Einbahnstrasse, die sich bald wie eine Sackgasse anfühlt…

Denn das Blöde ist ja: Diabetes vernachlässigen -> höhere Zuckerwerte -> man ist noch mehr müde, energielos, kümmert sich noch weniger um sich selbst, geschweige denn um gesundes Essen, Bewegung, um den Diabetes – > man hat noch höhere Zuckerwerte – > usw. usw.….

Nicht gut. Gar nicht gut.

Aber so menschlich, so verständlich… wichtig ist: Du sollst wissen, dass es fast jedem Diabetiker manchmal so geht. Dem einen öfter, dem anderen seltener. Aber Phasen, in denen man sich nicht gut um den Zucker kümmert, die hat fast jeder einmal.

Irgendwann macht man sich dann auf ins Labor, zum Doktor. Da wärs halt eine SEHR gute Idee, die letzten paar Tage vor dem Termin wieder die Zuckerwerte aufzuschreiben. Mit allem Drum und Dran, mit Notizen übers Essen, Bewegung, Stress (!) … Damit eine Beratung Sinn macht, hilfreich sein kann.

BlumenstockSchnell noch neu anfangen

Man könnte ja in eine Papierhandlung gehen, ein chices neues Bücherl kaufen, oder im App Store sich ein neues Progrämmchen zulegen… Siehe oben!
Es ist gleich ein ganz anderes Gefühl, wenn man da was mitzunehmen, herzuzeigen hat. Egal wie die Werte ausschauen. Schon das Notieren bringt enorm viel, holt einen weg von dem Gefühl „das ist halt so…“

Übrigens: wenn Du jetzt denkst: „Na die Tante hat gut reden, bei mir ist das alles noch viel schlimmer… bei mir geht da gar nichts mehr“.. Die Zuckertante hat auch dazu ein bisschen zu sagen, auf ihrer Homepage, ein paar Gedanken… vielleicht einen Klick wert.

Für alle anderen: Macht Euch bewusst:
das Prinzip sollte sein: grad wenn Probleme auftauchen, grad wenn „der Zucker nicht will“, grad wenns hoch hergeht im Leben, grad wenn man krank ist und „die Werte spinnen“. JETZT ist die Zeit, regelmäßig den Zucker zu messen, UND aufzuschreiben! Damit man den Überblick behält, weiß was los ist.

Zuckertante„Perfekte“ Diabetiker erkennt man nicht an wunderschönen Blutzucker-Tagebüchern mit lauter guten Werten.
 „Perfekte Diabetiker erkennt man daran, dass sie das Ruder ihres Diabetes-Schifferls eher lässig handhaben auf spiegelglatter See im Sonnenschein – und dass sie das Steuerrad fest in die Hand nehmen, den Kompass im Auge behalten und durch viele kleine Kontrollen versuchen ihr Schifferl auf Kurs zu halten, wenn sich ein Tornado nähert – oder auch nur ein kleiner Wirbelwind durch ihr Leben bläst.

Die Zuckertante grüßt und wünscht allzeit gute Werte.

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6Kommentare
Erika - 27. Januar 2017

Guter Artikel. Ist wirklich nicht immer einfach.

Antworten
    Susanne Pusarnig - 27. Januar 2017

    Dankeschön!

    Antworten
Ferdinand Holler - 25. Februar 2017

Danke für die umfassende und leicht verstänlichen Informationen – sehr wertvoll für einen Neuling!!
mfg. f. holler

Antworten
    Susanne Pusarnig - 25. Februar 2017

    Ach das freut mich! Für „Neulinge“ hat die Zuckertante so einiges: https://www.zuckertante.at/ganz-neu-dabei/der-anfang und „der Weg“, das ist eine Folge von Texten über all das, was ich jedem Neuling so gerne sagen würde, wozu aber nie genug Zeit ist.

    Antworten
Walter Mohl - 9. März 2017

Herzlichen Dank für die umfassenden Infos, auch sehr gut aufbereitet.
Motiviert wieder, wenn man schlampig wird…

Antworten
    Susanne Pusarnig - 9. März 2017

    Dankeschön! Es ist ganz normal, dass man sich nciht immer gleich gut um den lieben DM kümmern kann…

    Antworten
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