Diabetes, Demenz und Insulin in der Hauskrankenpflege - Zuckertante.at

Diabetes, Demenz und Insulin in der Hauskrankenpflege

Foto Fuß alte Frau

Ein alter Herr mit Diabetes, Demenz und Insulin

Ein Anruf heute in der Praxis.
Der Anrufer macht sich große Sorgen um seinen hochbetagten Vater, der irgendwo im Westen von Österreich in einer größeren Stadt wohnt und sehr gut von 24 Stunden Betreuern versorgt wird.
Dieser Vater hat Diabetes seit über 30 Jahren und seit über 15 Jahren spritzt er Insulin. Nach einem Schema, das eine Kombination ist aus schnell wirkendem und langsam wirkendem Insulin. Also eine Intensivierte Insulintherapie. Eine wie wir in Österreich auch sagen „FIT“ (=Funktionelle Insulin-)Therapie.

(Unnötiger) Stress pur

Der Sohn macht sich große Sorgen: der Arzt des Vaters hat ihm gesagt, der Blutzucker des Vaters solle immer zwischen 100 und 200 bleiben.
Immer.
Wenn der Blutzucker höher wird, dann sei das schlecht und auch gefährlich.
So versucht nun dieser Sohn aus der großen Entfernung – der Sohn lebt und arbeitet in Wien – auf die Betreuer einzuwirken. Und er ist jedes Mal verzweifelt und kann sich auf seine Arbeit nicht konzentrieren wenn er hört, dass der Blutzucker des Vaters entweder zu tief oder zu hoch ist.

Mich hat diese Geschichte sehr betroffen gemacht. Deshalb hier ein Artikel zu den Zielen einer

Diabeteseinstellung bei Demenz

Der Patient erkennt seinen Sohn nur manchmal.
Er kann sich kaum mehr mitteilen.
Er muss gefüttert werden.
Es handelt sich also um ein spätes und schweres Stadium einer Demenzerkrankung.
Die Lebenserwartung ist nicht mehr sehr groß.

Auch von daher sollte man als Arzt, als Ärztin sich überlegen, welche Ziele für die Einstellung des Diabetes nun gelten.

Wir ziehen die Guidelines, die Leitlinie der Österreichischen Diabetesgesellschaft, zu Rate und da steht drinnen:

Als Zielwert für das HbA1c, den wichtigsten Laborwert bei Diabetes: „Bei Patient*innen mit mehreren schweren Hypoglykämie/eingeschränkter Lebenserwartung/multiplen Spätkomplikationen oder anderen Komorbiditäten, sind HbA1c-Zielwerte bis 8 %-nötigenfalls bis 9 %-als ausreichend zu bewerten .
(Komorbiditäten = begleitende Krankheiten wie in diesem Fall die Demenz und sonst auch noch so einige Krankheiten).

https://www.oedg.at/pdf/Diabetes-mellitus-Anleitungen-fuer-die-Praxis-2019.PDF

8 bis nötigenfalls 9 %.


Das sind realistische Ziele für die Einstellung des Diabetes und dieses Ziel, das HbA1c zwischen 8 und 9 % zu halten ist eigentlich fast immer erreichbar.

Dazu braucht es aber nicht die Vorgabe, dass der Blutzucker sich nur zwischen 100 und 200 bewegen soll!

Eine Spanne von nur 100 mg% vom tiefsten bis zum höchsten Wert ist in dieser Situation eine fast unerfüllbare Vorgabe.
Gerade bei einer Insulintherapie im hohen Alter mit Betreuungskräften, die nicht exakt mit Broteinheiten rechnen können ist es fast unmöglich, die Zuckerwerte in einem so relativen engen Rahmen zu halten.

Das habe ich dem Sohn erklärt und wir haben uns als Erstes darauf geeinigt, dass Zuckerwerte zwischen 100 und 250 ganz ok sind. Und dass auch Werte zwischen 250 und 300 zwar als zu hoch anzusehen, aber keine Katastrophe sind.
Damit wird die Diabeteseinstellung schon ein ganzes Stück einfacher.

Das wichtigste Ziel

Für mich ist das wichtigste Ziel der Diabeteseinstellung in so einer Situation, dass es dem Patienten gut geht.
Er hat nur mehr eine kurze Zeit zu leben.
Die Familie bemüht sich sehr, ihm ein Verbleiben in seiner gewohnten Umgebung, in seinem kleinen Häuschen am Rand seiner Stadt zu ermöglichen.

Man sollte alles daran setzen, dass er Essen bekommt, das vor allem eine Bedingung erfüllt: Es muss ihm schmecken!
Und da ist es nicht ganz so wichtig wie die Blutzuckerwerte danach sind.

Was man vermeiden sollte

Zu hohe Werte

Wir möchten nicht, dass er so hohe Zuckerwerte hat, dass er davon müde oder durstig wird, dass er darunter körperlich leidet, noch mehr eingeschränkt wird.
Und natürlich sollen die Zuckerwerte nicht so hoch werden, dass er deshalb sogar ins Spital muss.

Zu tiefe Werte

Noch viel wichtiger ist es das sichere Vermeiden von Unterzuckerungen, von Hypoglykämien.
Denn auch wenn dieser Patient fast schon bettlägerig ist, ist ein Hypo, eine Unterzuckerung ein sehr belastendes, erschreckendes, äußerst unangenehmes Erlebnis, und das sollte man diesem Patienten unbedingt ersparen.

Gehfähige Patienten, vielleicht mit Stock, Rollator oder Rollmobil, werden durhc Hypos nohc mehr gefährdet- was wenn sie stürzen, sich ernsthaft verletzten dabei, sich gar eine Oberschenkel-Hals-Bruch zuziehen?
Kein HbA1c rechtfertig so eine Katastrophe!

Betreuer erschrecken bei Hypos

Es macht Betreuer extrem unsicher wenn sie die Anzeichen für Hypos noch nie gesehen haben, das Schwitzen und Zittern zum Beispiel, die plötzlich stärkere Verwirrtheit.
Wenn das öfter passiert kann es sein, dass Betreuer „hinschmeißen“, sich diesen Job nicht mehr zutrauen und kündigen.
Ja, dann wird Ersatz geschickt von der Vermittlungs-Firma – aber für den zu pflegenden alten Menschen heißt das, wieder jemand Neues kennen lernen, sich neu zurecht finden, Vertrauen aufbauen.
Für die Angehörigen heißt es, wieder in der Unsicherheit leben, ob man nun wohl einen „guten“ Betreuer gefunden hat, der sich mit dem Patienten oder der Patientin gut versteht und gut für ihn oder sie sorgt.

Umgang mit Betreuern in der 24 Stunden-Pflege

Gute Betreuer in der 24 Stunden Pflege sind ein Segen – der Patient gewöhnt sich an sie, es entsteht Vertrauen.

Angehörige sollten nie unterschätzen, wie anstrengend es ist, Tag und Nacht mit einer dementen Person zusammen zu leben.
Ich habe als Studentin so einen „Job“ einmal gut 2 Monate lang durchgehend gemacht – es war eine der schwierigsten Arbeits-Erfahrungen in meinem Leben: der dauernde Schlafmangel, die dauernde gespannte Aufmerksamkeit, das Essen Eingeben, die Körperpflege…

Angehörige tun gut daran, gute Betreuer und Betreuerinnen hoch zu schätzen, sie zu unterstützen, ihnen zuzuhören und Respekt und Anerkennung zu zeigen.

Diabetes mit Insulin ist eine zusätzliche Schwierigkeit.

Betreuer sind (meist) keine Krankenschwestern!

Betreuer und Betreuerinnen sind in der Regel keine ausgebildeten Pflegkräfte sondern haben einen Kurs zur Alltags-Unterstützung dementer und pflegebedürftiger Menschen absolviert. Verständlich, dass sie Angst haben vor medizinischen Zwischenfällen!

Idealerweise führt der behandelnde Arzt, die behandelnde Ärztin ein Gespräch mit den Betreuern, erklärt die Anzeichen für eine Unterzuckerung, eine Hypoglykämie und die nötigen Hilfs-Maßnahmen:
Traubenzucker geben, oder Orangen- oder Apfelsaft oder süße Limonade. Es muss auch besprochen werden, wann und vor allem WIE im Notfall die Rettung zu rufen ist.

Wichtiger Tipp

(gilt für alle häuslichen Pflege-Situationen):
an einem gut sichtbaren Ort einen Zettel anbringen mit den Notfall-Nummern,
mit Angaben zur Person (Name, Vorname, Geburtsdatum, Versicherungsnummer)
und mit der genauen Adresse(!).

Im Stress einer Akut-Situation kann man sich oft an die einfachsten Dinge nicht mehr erinnern…

Realistische Ziele

Wenn die zu pflegende Person alleine ist mit ihren Betreuern, ist es umso wichtiger, dass bei der Einstellung des Diabetes Akut-Komplikationen wie Hypos so gut wie nur irgend möglich ausgeschlossen werden!

Für übertriebenen Ehrgeiz („Zuckerwerte immer zwischen 100 und 200mg%“) ist da überhaupt kein Platz!

Bei so schwerer Demenz ist das Ziel der Diabetesbehandlung:

  • HbA1c wenn möglich unter 9 %,
  • keine Unterzuckerungen (Hypoglykämien),
  • nicht allzu viele Werte deutlich über 300
  • und vor allem Wohlbefinden des Patienten und
  • ihm Freude bereiten durchaus auch mit Essen, das ihm schmeckt.

Wie es nun weitergeht

Das alles habe ich mit dem Sohn des Patienten am Telefon besprochen.

Der Patient trägt den Sensor, den Freestyle Libre.
Ich bekomme nun Einschau in die Daten, das heißt, ich kann von meinem Computer zu Hause aus die Zucker-Verlaufsdaten dieses Patienten sehen.

Ich werde im Rahmen einer Video-Ordination meine Empfehlungen mit dem Sohn besprechen, er ist auch Erwachsenenvertreter in medizinischen Belangen und daher Ansprechperson für die Behandlung.

Ich werde eine ganz einfache Insulinspritztabelle anlegen und dem Sohn des Patienten mailen.

Nach dieser Spritztabelle bekommt der Patient von nun an Insulin gespritzt und alle paar Tage werde ich die Dosierungen der Insuline so anpassen, dass wir die Zuckerwerte vor allem beruhigen und stabilisieren.

Ich hoffe so ein bisschen dazu beitragen zu können, dass der alte Herr sein bisschen Leben, das ihm noch bleibt, so gut verbringen kann wie nur möglich!


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Dr. Susanne Pusasrnig

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